Zeitschrift des Montessori-Vereins Kitzbühel, 2/03 Mai 2003, S. 4 – 5

Ein paar Gedanken zur Zeit

Christiane Salvenmoser

Kurz vor Ausbruch eines schrecklichen Krieges war die Medienlandschaft Österreichs von einem Aufschrei geprägt: „Zwei Stunden!“

Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer hatte vorgeschlagen, die Wochen-Unterrichtszeit der 10- bis 14-jährigen Schülerinnen und Schüler um ebensoviel zu kürzen. Die Reaktionen darauf reichten von: „Täuschungsmanöver“ über „reine Budgetkürzungspolitik“ bis zur Angst Kinder könnten zu wenig lernen.

Zwei Stunden weniger Schule
Zwei Stunden länger schlafen
Zwei Stunden mit Freunden spielen
Zwei Stunden plaudern
Zwei Stunden lesen
Zwei Stunden fernsehen
Zwei Stunden kuscheln
Zwei Stunden zu Hause sein
Zwei Stunden leben

Zwei Stunden in der Woche sind rund 8 Stunden im Monat das entspricht ca. vier Tagen im Jahr. Vier Tage in denen ein Kind sein Leben leben kann, eine Familie mehr von einander haben darf. Wieso soviel Aufregung um 4 Tage im Jahr?

In Anbetracht dessen, dass wir alle nicht wissen, was uns und unsere Kinder noch erwarten mag, ist das Geschenk der Zeit eine richtige Geste.

All die Wortmeldungen rund um die Ankündigung Ministerin Gehrers gehen in meinen Augen am Wesentlichen vorbei und greifen viel zu kurz. Hier werden nur Quantitäten gegeneinander aufgerechnet, Qualität ist kaum ein Thema und die Frage mit welcher Methode effizienter unterrichtet werden könne, wird gar nicht gestellt.

Als Montessori-Pädagogin, Dozentin und auch als Mutter begrüße ich diese Ankündigung aus welchen Gründen sie auch immer entstanden sein mag. Wenn ich mich in meinem Freundes- und Verwandtenkreis umhöre, wenn ich all das berücksichtige, was unsere SeminarteilnehmerInnen berichten, dann kann ich einfach nur festhalten, dass sich in vielen Familien das Leben fast ausschließlich um die Schule dreht, Erfolg und Misserfolg in der Schule ausschlaggebend für die Stimmung aller Familienmitglieder ist. Wie war das mit den alten RömerInnen – non scolae, sed vitae discimus????

Was ich mir wünsche: Eine Schule, die auf die Besonderheiten jedes einzelnen Menschen einzugehen versucht. Eine Schule, die den Menschen vor den Lehrplan stellt. Eine Schule, in der soziale Kompetenz gleichwertig geschätzt wird wie kognitives Wissen. Eine Schule, die Wissen mit Lust, Freude und Begeisterung für die Sache vermittelt. Eine Schule, die offen ist für neue Gedanken und Ideen.

Das ist nicht unbedingt eine Montessori-Schule, aber eine Schule, in der die Haltung und das Gedankengut Maria Montessoris breiten Raum hat. Was müsste geschehen, dass das in immer mehr Schulen Realität werden kann? Als erstes erscheint mir wichtig zu sehen, dass die Splittung in verschiedene Schulformen für 10-jährige viel zu früh ist. Eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre und dann noch eine gemeinsame Schule der 12- bis 15-jährigen könnte viel an Druck vermindern.

Ein zweiter wichtiger Schritt, der erst an wenigen Schulen versucht wird, ist die echte Aufwertung mündlicher Leistungen oder besser noch ein Schauen auf die Stärken eines jeden Kindes/Jugendlichen. Selbst in unserer „Notenschule“ ist das ohne Weiteres möglich. Etwas „Sehr gut“ gemacht haben, ist doch immer individuell. Nicht die objektive Leistung sondern die subjektive Leistung müsste zur „Beurteilung“ – wie auch immer diese erfolgt – herangezogen werden. Wie sagte letztens ein ehemaliger Turnprofessor zu mir: „Bei mir hat auch ein „Dickerl“ seinen Einser bekommen, wenn er das für ihn Beste gegeben hat“.

Sein Bestes geben – das muss doch immer reichen! Kinder sind von Natur aus darauf angelegt zu lernen und sie tun das von sich aus und freudvoll. Jeder, der junge Kinder beobachtet wenn sie gehen oder balancieren lernen, kann das bestätigen. Maria Montessori hat ja genau deshalb immer wieder von der „Arbeit“ des Kindes gesprochen – Entwicklungsarbeit ist Schwerarbeit und doch tun sie es mit Freude.

Diese Freude zu erhalten und das Interesse an allem Neuen wach zu halten, das sollte Aufgabe der Schule sein. Es geht nicht um abprüfbares Wissen, Entwicklung ist wesentlich umfassender. Wir diskutieren jetzt wo diese „2 Stunden“ gespart werden können, und zu jedem Vorschlag gibt es natürlich mehrere Gegenargumente, ich möchte weder das eine noch das andere hier näher beleuchten.

Zwei Dinge möchte ich aber noch fürs Weiterdenken mitgeben:

1. Denken Sie einmal zurück an Ihre Schulzeit, gleichgültig wie viele Jahre es insgesamt gewesen sind. Dann nehmen Sie sich bitte ein Fach/ einen Gegenstand, von dem Sie sagen, dass Sie es gerne gemocht haben und versuchen dann die insgesamt absolvierten Stunden zusammenzuzählen. Und dann schreiben Sie bitte das zusammen, was Sie alles aus dieser Zeit noch sicher wissen, beherrschen, können und auch das, was Ihnen noch so periphär einfällt. Was wissen Sie noch aus insgesamt vielleicht 320 Stunden Biologie? Und wie viel denken Sie, wüssten Sie weniger, wenn damals eine Stundekürzung gerade dieses Fach betroffen hätte?

Es geht doch nicht um Quantität – Qualität ist gefragt! Und da sind wir dann bei einem ganz anderen Thema, das nicht unbedingt etwas mit Zeit zu tun haben muss. Welcher Methodik bedient sich Unterricht denn landläufig? Welche Qualitäten sollen denn erworben werden? Es wird immer wieder vom Erwerb von Schlüsselqualifikationen gesprochen, sozialer Kompetenz, emotionaler Kompetenz, kommunikativer Kompetenz…… erwirbt man das durch benotete Tests? Gerade für diese Fragen hat die Pädagogik Maria Montessoris unendlich viel zu bieten.

2.) Wenn wir jetzt über Stunden, Stundentafeln, Stundenpläne, Lehrpläne und ähnliches reden, dann ist es mir ein großes Anliegen mit Maria Montessori zuerst einmal auf das Kind, den Jugendlichen, auf seine/ihre Entwicklung zu schauen und erst in zweiter Linie auf Pläne, Verordnungen, Ideen. Das Kind, das Mädchen, den Buben, in den Mittelpunkt zu stellen, heißt sich auf eine Individuum einzulassen mit seiner Geschichte, seinen Stärken und seinen Lernbereichen. „Was braucht dieser Mensch, und was kann ich (als PädagogIn) jetzt dazu tun?“ Das ist die Kernfrage der Montessori-Pädagogik, dorthin wünsche ich mir die Diskussion.

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass es in allen pädagogischen Bereichen von der Kleinstkindbetreuung bis hin in die Erwachsenenbildung eine nicht zu kleine Zahl von Menschen gibt, die so denken können und wollen. Menschen, von denen manche wissen, dass Maria Montessori so gedacht hat und manche, die von ihr und ihren Ideen kaum eine Ahnung haben. Auch wir haben oder hatten solche LehrerInnen – ihnen allen sei Dank! Sie verändern die Welt.

© Christiane Salvenmoser – Montessori-Zentrum, Wien 2003