Montessori aktuell, Ausgabe 1/2001, S. 11 – 14

Vom Zusammenspiel der Sinne

Saskia Haspel

Zum wievielten Mal Ulla Kiesling, die Autorin des innerhalb von zwei Jahren bereits in der 3. Auflage erschienen Buches „Sensorische Integration im Dialog“, nun bereits im Montessori-Zentrum war, kann wohl niemand mehr genau sagen. Tatsache ist, dass sie in einer Reihe von Einführungsseminaren und zuletzt auch im ersten Lehrgang für Sensorische Integration ihre ZuhörerInnen mit einer besonderen Art der Therapie bekannt gemacht und dafür begeistert hat.

Kein Zufall, dass sich Montessori-PädagogInnen von SI im Dialog angesprochen fühlen, kein Zufall auch, dass sich die dialogischen SI-TherapeutInnen aus Hamburg im Montessori-Zentrum besonders gut verstanden fühlen. Haben doch die beiden Ansätze offensichtlich eine gemeinsame Basis: die respektvolle Haltung gegenüber dem Kind, das als Individuum betrachtet wird und dessen genaue, liebe- und verständnisvolle Beobachtung die Grundlage jeglichen Handelns der Erwachsenen darstellt.

Vor 15 Jahren war Dr. Inge Flehmig bereits in Österreich um den besonderen Umgang ihres Teams mit Kindern in therapeutischen Situationen vorzustellen. Gerade jetzt scheinen diese Ideen in Österreich aber auf besonders fruchtbaren Boden zu fallen. Dank Ulla Kiesling, die in der Zwischenzeit als selbstständige Therapeutin und Erwachsenenbildnerin arbeitet, und anderen ReferentInnen, die immer wieder Österreich bereisen, verbreitet sich SI im Dialog bei TherapeutInnen, PädagogInnen und Eltern, die betroffene Kinder nicht nur besser verstehen sondern ihnen auch adäquat helfen wollen.

Wem hilft SI-Therapie?

Da wir lebenslänglich weiterreifen, unterstützen die Bewegungs- und Sinneseindrücke aus der SI-Therapie sicherlich jeden Menschen jeden Alters bei seiner Weiterentwicklung. Trotzdem stellen wir uns natürlich die Frage, welche Kinder bei der SI-Therapie besonders gut aufgehoben sind.

Wer an Wahrnehmungsstörungen denkt, hat wahrscheinlich vor allem autistische Kinder oder mehrfach behinderte Menschen vor seinem geistigen Auge. Von Wahrnehmungsstörungen ist jedoch auch eine steigende Zahl von Kindern betroffen, die normal bis überdurchschnittlich intelligent sind.

Wir alle kennen zappelige Kinder, die häufig vom Stuhl fallen, plötzlich aufspringen und durch den Raum laufen, manche auch schreiend oder andere Kinder stoßend. Denken wir nur an die zunehmenden Berichte über AD bzw. ADHA-Kinder (konzentrationsschwache und/oder hyperaktive Kinder), an die Diskussionen über umstrittene Verabreichung von schweren Medikamenten, vor allem Ritalin, weil das tägliche Leben mit so auffälligen Kindern für Eltern, LehrerInnen und auch die Kinder selbst unerträglich geworden ist.

Denken wir aber auch an andere Kinder, von denen viel weniger gesprochen wird, die uns durch ihre Schlaffheit, ihre Müdigkeit, ihre mangelnde Leistungsfähigkeit auffallen, durch übermäßige Schüchternheit oder Zurückgezogenheit. Der Kopf ist so schwer, dass er auch in der Schule und beim Essen auf den Armen ruht, beim Gedanken an Hausübung hören wir einen tiefen Seufzer und es braucht alle noch vorhandene Energie, um die Schulsachen vorzubereiten – bei der Hausübung selbst vergehen Stunden, obwohl das Kind inhaltlich keine Schwierigkeiten hat. Auch hier haben wir es oftmals mit Wahrnehmungsstörungen zu tun, die – da sie weniger ins Auge springen – oft noch viel später entdeckt werden.

Häufig haben Eltern oder auch Kindergarten-PädagogInnen schon sehr früh das Gefühl, dass etwas mit einem Kind nicht ganz stimmt: Das Baby schreit Tag und Nacht und lässt sich nicht beruhigen. Das junge Kind schläft schlecht ein oder wacht in der Nacht so häufig auf, dass seine Eltern kaum mehr zu ausreichend Schlaf kommen. Oder es ist schwer zu füttern weil es zu viel schläft und auch beim Füttern immer wieder einschläft. Ein dreijähriges Kind fällt im Kindergarten auf, weil es scheinbar nicht hört, obwohl die Ohren in Ordnung sind. Es artikuliert sich kaum verständlich, spricht mit lauter, gepresster Stimme, läuft wild herum, verweilt nirgends, stößt andere Kinder und Gegenstände um.

Diese und andere Beobachtungen werden von KinderärztInnen oft als ganz normal abgetan und Mütter werden darauf verwiesen, dass sich das alles von selbst auswachse. Auch TherapeutInnen sehen häufig keinen Anlass für Therapie obwohl das Leben für das Kind und seine Umgebung übermäßig anstrengend geworden ist. Durch solchen Rat der ExpertInnen geraten Eltern immer tiefer in einen Konflikt. Zum einen spüren sie, dass mit ihrem Kind etwas anders ist, und zum anderen erhalten sie die Botschaft, dass sie sich keine Sorgen machen sollen. Tun sie es trotzdem, bekommen vor allem Mütter oft den Stempel der überbesorgten Mutter, die ihr Kind bloß nicht loslassen kann. So verwundert es nicht, dass sich manchmal sichtbare Erleichterung einstellt, wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind eine Wahrnehmungsstörung haben könnte.

Was leistet SI im Dialog?

Schon vor mehreren Jahrzehnten erkannte Dr. Inge Flehmig, wohl eine der erfahrensten Kinderneurologinnen Europas, die Bedeutung der Wahrnehmung für die motorische und sensorische, soziale und emotionale und natürlich auch kognitive Entwicklung des Menschen. In der Zwischenzeit umfasst ihre Arbeit mehrere Zentren für kindliche Entwicklung in Hamburg, in denen TherapeutInnen aus verschiedensten Richtungen mit Kindern unterschiedlichen Alters und verschiedensten Auffälligkeiten (von Verhaltens- und Lernstörungen bis hin zu schweren Behinderungen) arbeiten. Eines ist ihnen allen gemeinsam: Das dialogische Prinzip.

Was der Montessori-Pädagogik der achtsame, liebe- und respektvolle Umgang mit dem Kind sowie das Augenmerk auf Selbstständigkeit, Selbsttätigkeit und Eigenverantwortlichkeit des Kindes im Rahmen klarer Grenzen ist, umschreibt Ulla Kiesling mit dem Begriff „dialogisch„: Das Kind bestimmt Art und Tempo der Handlungen, es wählt aus einem Angebot aus und signalisiert, wann es eine Pause braucht oder wann es genug von einer Sache hat. Begriffe wie „Vorbereitete Umgebung“, „Freiarbeit“, „absorbierender Geist“ und „sensible Phasen“ passen zu SI im Dialog genauso gut wie zur Montessori-Pädagogik.

In der Therapie werden Lern- und Spielsituationen angeboten, die den Basissinnen (Gleichgewicht, Tiefenwahrnehmung und Tastwahrnehmung) Nahrung zur Entwicklung und Ausreifung geben. Diese Sinnessystem-Nahrung erhalten Kinder in unserer Gesellschaft, in der mehr Zeit als je zuvor gesessen, gefahren und vor elektronischen Medien verbracht wird, zu wenig. Unreife Bewegungsmuster sowie unzureichende Erfahrung in der Integration von sinnlichen Eindrücken sind die Folge.

Allein das Gleichgewichtssystem hängt mit einer Reihe von Lebensbereichen zusammen, die in Balance sein müssen – dem Wach-Schlaf-Rhythmus, dem Verdauungssystem, dem Stoffwechsel bis hin zum psychischen Gleichgewicht. Nicht von ungefähr gibt es in unserer Sprache Ausdrücke wie „aus dem Gleichgewicht sein“ „Ich musste erst mein Gleichgewicht wieder finden.“ „Das hat mich umgeworfen“ ….

Das Kind erhält in der SI-Therapie also Gelegenheit, die früheren Stufen der Entwicklung zu durchleben und so in den Bereichen nachzureifen, die die Grundlage für die Anforderungen seines Alters sind. Nicht an den Fehlern wird gearbeitet sondern die Stärken werden aufgegriffen. Jean Ayres, die Begründerin der Sensorischen Integrations-Therapie, prägte den Satz „Etwas was man nicht kann, kann man nicht üben.“ So wird nicht das Springen geübt, wenn das Kind nicht springen kann, sondern die Vorstufen des Springens – beginnend bei den Bewegungen im Liegen, dem Krabbeln, der Aufrichtung, dem Laufen. Es geht auch nicht in erster Linie um Quantitäten, wie die Frage „Kann das Kind krabbeln?“ sondern um Qualitäten, um die Frage „Wie krabbelt das Kind?“. Bei Kindern mit Wahrnehmungsstörungen finden wir mit Sicherheit mangelnde Qualität bei Bewegungsmustern des ersten Lebensjahres.

Häufig fällt uns ein Kind durch Unterempfindlichkeit auf, beispielsweise in der Tiefenwahrnehmung. Es empfindet kaum Schmerz, wenn es irgendwo anstößt oder etwas auf seinen Fuß fällt.

Ebenso können wir durch einfache Beobachtung Signale einer Überempfindlichkeit erhalten – zum Beispiel im Gleichgewichtssystem, wenn Kinder um nichts auf der Welt schaukeln oder in eine Hängematte wollen, nur ungern und mit sehr viel Unterstützung auf einen Stuhl oder Tisch klettern oder in bestimmten – emotional durchaus sicheren – Situationen die Augen nicht schließen wollen.

Sowohl unter- als auch überempfindliche Kinder erhalten in der SI-Therapie Sinnesinformationen die ihnen helfen, ihre Sinnessysteme zu entfalten und damit zu einer besseren Regulation ihrer Wahrnehmung zu gelangen.

Das Beeindruckendste an der SI-Therapie sind wohl die Verhaltensänderungen, die mit den Nachreifungs-Prozessen Hand in Hand gehen. So wie das Kind zu seinem körperlichen Gleichgewicht findet, ist zunehmendes Vertrauen in sich selbst und die Umwelt und damit der Aufbau von seelischem Gleichgewicht zu beobachten. Ein Kind, das genügend Tiefeninformation erhält, beginnt sich besser zu spüren. Wer sich gut spürt, fühlt sich gut und kann sich damit auch sicherer und besser verhalten. Schließlich war es Rebecca Wild, von der die Aussage „Ein Kind, das sich wohl fühlt, benimmt sich nicht daneben.“ stammt. So schließt sich der Kreis zur Montessori-Pädagogik wieder.

SI-Therapeutinnen gibt es in der Zwischenzeit schon viele. Doch selten finden wir das dialogische Prinzip. Dieses dialogische Denken bleibt jedoch das Wichtigste bei jeglicher pädagogischen und therapeutischen Arbeit, wenn wir das Kind als Experten/in für sich selbst respektieren und mit ihm gemeinsam an seiner Entwicklung arbeiten wollen. So schreibt Ulla Kiesling in der Deutschen Hebammen Zeitschrift 9/2001:

„In einer dialogischen Therapie ist es immer ein Vergnügen für das Kind zu lernen und zu reifen. Der Spaß und die Freude am Leben stehen im Vordergrund.“

Literaturhinweise:
Ayres, Jean: Bausteine kindlicher Entwicklung
Flehmig Inge: Normale Entwicklung des Säuglings und ihre Abweichungen – Früherkennung und Frühbehandlung. – Stuttgart 1996
Kiesling, Ulla: Sensorische Integration im Dialog. – Dortmund 2000
Kindergarten heute spezial: Wahrnehmungsstörungen bei Kindern – Hinweise und Beobachtungshilfen. – Freiburg i. Br. 3. Auflage 2000
Köckenberger Helmut: Hyperaktiv mit Leib und Seele – Mit neuen Perspektiven verstehen, bewegen und entspannen. – Dortmund 2001

© Saskia Haspel – Montessori-Zentrum, Wien 2001