Christiane Salvenmoser

Wie häufig bei Montessori ist der Begriff an sich schon etwas Besonderes. Ursprünglich aus der Biologie kommend hat ihn Maria Montessori auf ihre Arbeit mit den Kindern umgelegt und damit gezeigt, dass auch in der Entwicklung des Menschen diese speziellen Zeiten zu finden sind.

Entdeckt wurden diese Phasen des besonderen Lernens von Hugo de Vries, der an der Entwicklung von Raupen gezeigt hat, dass Lebewesen zu bestimmten Zeiten über bestimmte Empfänglichkeiten verfügen, die das gute Heranwachsen erst wirklich ermöglichen.

Kennzeichen einer Sensiblen Phase ist die selektive Wahrnehmung, die dem/der Lernenden die notwendigen Dinge ins Blickfeld rückt. Montessoris schöner Vergleich ist die durch einen einzelnen Scheinwerfer beleuchtete Bühne. So wie in diesem Lichtkegel alles ganz klar und deutlich gesehen werden kann, während der Rest eher im Halbschatten verbleibt, beleuchtet die selektive Wahrnehmung alles, was für den nächsten Entwicklungsschritt unbedingt notwendig ist, während alles andere als nicht so wichtig eingestuft wird.

Diese Fähigkeit zur Selektiven Wahrnehmung ist nicht auf die Kindheit alleine beschränkt, doch kommt ihr in dieser Altersstufe eine außergewöhnliche Wichtigkeit zu.

Da Kinder ja nicht kognitiv über diese Erkenntnis verfügen – kein Kind kann uns sagen „Liebe Mama bleib bitte stehen, ich muss zur Perfektionierung meines Gleichgewichtssinns jetzt da drüber balancieren!“ – stellt sich immer wieder die Frage: Wie erkenne ich denn eine Sensible Phase? Selektive Wahrnehmung auf Seiten des Kindes zeigt sich auf der Seite des beobachtenden Erwachsenen häufig als Interesse des Kindes an einer bestimmten Sache.

Maria Montessori teilt die Entwicklung des Kindes von der Geburt bis zum Erwachsen-Sein in drei große Etappen, wie das auch alle anderen Entwicklungspsychologien feststellen. Montessori verknüpft diese Etappen mit den Altersangaben 0 – 6 Jahre, 6 – 12 Jahre und 12 – 18 Jahre und auch 18 – 24 Jahre. Es ging ihr dabei nicht darum, quantifizierbare Größen einzuführen, diese Angaben dienen dem beobachtenden Erwachsenen allein als Orientierungshilfe.

Die Bedeutung der Sensiblen Perioden hängt eng mit dem von Maria Montessori geprägten Begriff des „absorbierenden Geistes“ zusammen. Während Erwachsene ihr Wissen mit Hilfe der bewussten Intelligenz aufnehmen, absorbiert es das junge Kind mit seinem psychischen Leben. Gerade darin äußert sich das qualitative Anderssein der frühkindlichen Intelligenz und ihrer Aktivitäten. Das Schicksal der beschriebenen Sensibilitäten hängt weitgehend davon ab, welche Erfahrungen dem Kind in der Umwelt ermöglicht und aktiv angeboten werden. Zur optimalen Unterstützung des Kindes bei seiner freien, selbsttätigen Arbeit schuf Maria Montessori ihr Entwicklungsmaterial im Rahmen der jeweils angepassten Vorbereiteten Umgebung.

Maria Montessori beobachtete im Leben der Heranwachsenden drei große Phasen von jeweils sechs Jahren, wobei sie die Phasen nochmals genauer unterteilt.

Die erste Entwicklungsperiode, das Alter von 0 bis 6 Jahren

Die Zeit von der Geburt bis hin zum 6./7. Lebensjahr ist geprägt von der Entwicklung der basalen menschlichen Fähigkeiten. Der Säugling, der in den neun Monaten im Mutterleib bereits eine Fülle an Fähigkeiten erworben hat, steht am Beginn aller wichtigen Dinge, die er als Erwachsene/r einmal brauchen wird. Seine Sinne und seine motorischen Fähigkeiten warten darauf, jeden Tag ein wenig wachsen und reifen zu können, danach ist all sein Trachten ausgerichtet. Übertroffen wird dies nur von seinem unendlichen Bedürfnis nach Liebe, Schutz, Geborgenheit, Wärme und Nahrung. Wenn diese Bedürfnisse ausreichend erfüllt sind, nützt es seine Zeit zum ständigen Lernen.

Wir können in dieser Entwicklungsetappe drei große Sensible Phasen unterscheiden. Jede dieser Phase bietet eine Fülle von Erscheinungsformen, die trotzdem immer bloß eine weitere Variante der Sensitiven Phase darstellen.

Die sensible Phase für Bewegung
Die sensible Phase für Sprache
Die sensible Phase für Ordnung

BEWEGUNG: Die Sensibilität für Bewegung lässt sich charakterisieren durch die Entwicklung der Hand, desGleichgewichts und des Laufens. Dieser Prozess erfolgt auf doppelter Basis: der psychischen und der physischen.

ORDNUNG: Die kindliche Empfänglichkeit für Ordnung muss unterschieden werden vom Erwachsenenverständnis für Ordnung, das sich auf Äußerlichkeiten bezieht. Montessori deutet die Sensibilität für Ordnung unter zwei Aspekten. Einmal stellt das Bedürfnis nach einer überschaubar und fest geordneten Umgebung „einen Anreiz, eine Aufforderung zum Handeln“ 1) dar, sobald in dieser dem Kind bekannten Umgebung etwas nicht stimmt, also nicht in Ordnung ist. Zum anderen hat das Bedürfnis nach Ordnung Orientierungsfunktion innerhalb des Chaos angehäufter (Bild)eindrücke durch die Tätigkeit des absorbierenden Geistes.

SPRACHE: Während die Sensibilität für Bewegung mit der Entwicklung des Gesichtssinnes korrespondiert, steht die Sensibilität für Sprache in besonders engem Zusammenhang mit dem Gehörsinn. In der ersten Periode absorbiert das Kind die Sprache durch die unbewusste Intelligenz. In dieser Phase ist daher nicht nur das Aufnehmen der gesprochenen Sprache durch den Gehörsinn von Bedeutung, sondern auch die visuelle Beobachtung des Sprechenden durch das Kind. 2)

In der Phase von 0 – 3 Jahren gilt nach Montessori die kindliche Entwicklung als nicht direkt beeinflussbar. Die unbewusste Tätigkeit der Intelligenz als Absorbieren der Umwelt rückt letztere in den Mittelpunkt des Interesses. Es ist daher notwendig, eine den kindlichen Bedürfnissen entsprechende Anregungsumwelt zur Verfügung zu stellen, zu der auch die Bezugspersonen zählen. Damit wird die Frühphase zu einer Zeit indirekter Erziehung.

3 – 6 Jahre

Der Unterschied der beiden Abschnitte der ersten Entwicklungsperiode wird für Maria Montessori erkennbar am Übergang „vom unbewussten Schöpfer zum bewussten Arbeiter“ 3)

In dieser zweiten Hälfte der ersten Periode dominieren 2 Neigungen:

1. Durch Aktivität in der Umgebung das Bewusstsein zu entwickeln und

2. die bereits gemachten Errungenschaften (v. a. im Bereich von Bewegung, Ordnung, Sprache) im Zusammenhang mit der Sinnesentwicklung zu vervollkommnen und anzureichern.

Eine dritte Neigung dieses Alters liegt in der Sensibilität für soziales Zusammenleben unter den Kindern. Montessori spricht von einer sozialen Embryonalphase, in der eine kindliche Gesellschaftsbildung in der Weise der Kohäsion erfolgt. Die Kohäsionsgesellschaft der 3- bis 6-jährigen Kinder ist eine Gemeinschaftsbildung durch soziale Integration, die sich durch ein unbewusstes Zusammengehörigkeitsgefühl kennzeichnen lässt.

Die zweite Entwicklungsperiode, das Alter von 6 bis 12 Jahren

Diese zweite große Entwicklungsetappe lässt nach Montessori drei Bedürfnisse im Sinne von Sensiblen Perioden erkennen:

– Das Bedürfnis des Kindes, aus seinem engen Bereich herauszukommen, seinen Aktionsbereich zu erweitern; Montessori weist hier besonders auf die Entwicklung der sozialen Beziehung hin.

– Den Übergang des kindlichen Geistes zur Abstraktion: Die Zeit von 6 bis 12 Jahren ist eine Art Sensibler Periode der Vorstellungskraft. In dieser Zeit wird der „Keim für die Wissenschaften“ gelegt. 4)

Die Vorstellungskraft als Grundlage des Geistes braucht Stütze, muss aufgebaut und organisiert werden. Zurückgreifend auf Comenius formuliert Montessori eine pädagogisch-didaktische Konsequenz: „Das Ganze geben, indem man das Detail als Mittel gibt.“ 5) Das Geben des Details wird daher zu einem pädagogisch-didaktischen Prinzip im Grundschulalter: Das Studium der Realität auf dem Wege über das Erfassen des Details enthält auch ein umfassenderes Erziehungsziel, das über das unmittelbar intendierte didaktische Ziel hinausreicht: In einem Individuum die Personalität mit Hilfe eines Teiles der Natur zu vertiefen.

Diesen Vorgang schildert Montessori im Zusammenhang mit der Forderung nach Selbsttätigkeit. So gewinnt das Kind durch eigene Erfahrungen sowie die Möglichkeit zu eigenen Aktivitäten genaue Antworten. „Die Rolle der Erziehung besteht darin, das Kind tief zu interessieren an einer äußeren Aktivität, an die es sich mit all seinen Fähigkeiten hingibt. Es handelt sich darum, ihm Freiheit und Unabhängigkeit zu geben, indem man es für eine Wirklichkeit interessiert, die es dann durch seine Aktivität entdeckt. Das ist für das Kind das Mittel, sich vom Erwachsenen zu befreien.“ 6)

Der Weg zur Vertiefung der Personalität führt über das Interesse an der Wirklichkeit, die vom Kind erforscht werden kann. Die selbst entdeckten Antworten machen das Kind frei von den Auskünften Erwachsener. Das genaue Kennenlernen der Realität wird andererseits aber auch Fragen im Kind auslösen, mit denen es sich von sich aus an den Erwachsenen wenden kann. Auf diese Weise entstehen echte, durch die Realität ausgelöste Gespräche, methodische Künstlichkeiten erübrigen sich.

– Die Entstehung des moralischen Bewusstseins, das eng mit der Entwicklung des sozialen Bewusstseins verknüpft ist. Im Mittelpunkt steht eine innere Sensibilität: das Gewissen. Seinem „inneren Führer“ zu gehorchen steht in engem Zusammenhang mit jener verantwortlichen Freiheit, die Maria Montessori mit dem Begriff „Meister seiner selbst“ zu sein umschreibt.

Die dritte Entwicklungsperiode, das Alter von 12 bis 18 Jahren

Im Gegensatz zur zweiten Periode, die sich als stabil erweist, ist die dritte Periode durch Labilität gekennzeichnet. Insgesamt ist diese Zeit charakterisierbar durch soziale Sensibilität, verbunden mit der Entwicklung bewusster Unabhängigkeit und Selbständigkeit innerhalb des sozialen Beziehungsnetzes.

„Die Reifezeit ist durch einen Zustand der Erwartung gekennzeichnet, durch die Bevorzugung von schöpferischen Arbeiten und durch das Bedürfnis, das Selbstvertrauen zu stärken.“ 7)

Als Sensibilitäten des Jugendalters können 3 Bedürfnisse genannt werden:

– Das Bedürfnis, in dieser physiologisch bedingt labilen Phase Schutz und Geborgenheit zu finden

– gleichzeitig aber in den Stand versetzt zu werden, die Rolle des Menschen zu begreifen, die der/die Jugendliche in der Gesellschaft spielen wird

Diese beiden einander zuwiderlaufenden Tendenzen müssen in der Gestaltung des Erziehungsraumes berücksichtigt werden.

– Das Selbstvertrauen zu stärken. Paul Oswald spricht von der „Sensibilität für Selbstwert und Menschenwürde“. 8)

Dieses Bedürfnis entspringt einerseits dem Hang junger Menschen zu schöpferischer Selbstgestaltung. Diese erst ermöglicht die Entwicklung zu einem sozialen Wesen, das in der Lage ist, seinen eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden und verantwortlich einzunehmen. Andererseits ist das Bedürfnis nach Stärkung des Selbstvertrauens angewiesen auf soziale Anerkennung. Vom Selbstvertrauen hängt wiederum der Erfolg ab, der auf der Kenntnis seiner eigenen Fähigkeiten und deren vielerlei Anwendungsmöglichkeiten beruht. 9) (vgl.: MONTESSORI, Maria: Von der Kindheit zur Jugend, S. 99)

© Christiane Salvenmoser – Montessori-Zentrum, Wien 2003

Literatur:

1) MONTESSORI, Maria: Kinder sind anders. – Stuttgart 1967, S. 82
2) vgl.: HOLTSTIEGE, Hildegard: Modell Montessori. Grundsätze und aktuelle Geltung der Montessori-Pädagogik. – Freiburg/Br. 1977, S. 76
3) MONTESSORI, Maria: Das kreative Kind. Der absorbierende Geist. – Freiburg/Br. 1972, S. 148
4) vgl.: MONTESSORI, Maria: Von der Kindheit zur Jugend. – Freiburg/Br. 1973, S. 51
5) MONTESSORI, Maria: Von der Kindheit zur Jugend. – Freiburg/Br. 1973, S. 49
6) MONTESSORI, Maria: Von der Kindheit zur Jugend. – Freiburg/Br. 1973, S. 37
7) MONTESSORI, Maria: Von der Kindheit zur Jugend. – Freiburg/Br. 1973, S. 97
8) OSWALD, Paul: Das Kind im Werke Maria Montessoris. – Mülheim 1958, S.88
9) vgl.: MONTESSORI, Maria: Von der Kindheit zur Jugend. – Freiburg/Br. 1973, S. 99