Montessori aktuell, Ausgabe 1/2001, S. 15 – 18

Über die didaktischen Hintergründe des Schüttens

Christiane Salvenmoser

Selbst Menschen, die sich noch wenig mit Montessori-Pädagogik auseinandergesetzt haben, verbinden in der Zwischenzeit diese Pädagogik auf irgendeine Art und Weise mit Tätigkeiten wie Schütten und Löffeln. Von Eltern kann man immer wieder hören, dass im Kindergarten ihres Kindes nach Montessori gearbeitet wird, da dort die Kinder ja mit „solchen Schüttspielen“ hantieren dürften. Weit verbreitet ist damit auch die Meinung, dass exzessives Schütten bis hin zum Chaos ein Kennzeichen unserer Pädagogik sei.

Ich möchte mit diesem Artikel zum Einen den didaktischen Hintergrund dieser Materialgruppe näher beleuchten um zu zeigen, dass darin sehr viel für die kindliche Entwicklung angeboten wird. Zum Anderen soll der Artikel auch den komplexen Aufbau dieser Arbeiten zeigen, damit sie wirklich im Interesse der Kinder eingesetzt werden können. Und drittens möchte ich zeigen, dass Schütten dem geordneten Aufbau kindlicher Motorik und Sensorik dient und somit auf keinen Fall chaotisch sein darf.
Bereitet die Schule wirklich aufs Leben vor? Und wenn ja, welche Art von Schule? Wie viel von dem, was wir heute als Erwachsene brauchen, haben wir tatsächlich in der Schule gelernt? Was haben wir alles nicht gelernt, was uns heute helfen würde? Und wie kann Schule aussehen, die Kompetenz für das Leben entwickeln hilft?

Die Übungen des Praktischen Lebens sind jene Materialgruppe in der Montessori-Pädagogik, die sich mit den Dingen des alltäglichen, praktischen Lebens beschäftigen. Sie dienen der Erarbeitung von Fähigkeiten aus den Bereichen der Sorge für sich selbst (Hände waschen, einschenken, Masche binden,…..) der Sorge für die Umgebung (Blumen gießen, Türe öffnen und schließen,…) und der Sorge für die Gemeinschaft (Feste feiern, um Hilfe bitten, danken,….). Das sind sozusagen die direkten Ziele für das Kind, das von dem Wunsch beseelt ist immer mehr aktiv an der Gemeinschaft teilnehmen zu können.

Neben diesen vordergründigen, direkten Zielen existieren aber eine Fülle von indirekten Zielen, die notwendig sind um einerseits die direkten zu erreichen die aber andererseits vor allem für die motorische und sensorische Entwicklung des Kindes nötig sind um die Aufgaben im täglichen Leben gut bewältigen zu können.

Es geht dabei um so basale Fähigkeiten wie die Entwicklung der Auge-Hand Koordination, der Hand-Hand Koordination, um die Entwicklung der Feinmotorik in vielen Facetten aber auch um die Entwicklung von Sprache und des mathematischen Geistes. Zu guter Letzt bietet diese Materialgruppe viele Anreize für die Persönlichkeitsentwicklung. Die Selbsttätigkeit des Kindes führt zu Selbstbewusstsein Selbstzufriedenheit, und Selbstvertrauen, zu Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Unabhängigkeit. Ruhe und Konzentration zählen ebenso zu den indirekten Zielen wie Ausdauer und Genauigkeit.

Damit Kinder ihre Senso-Motorik im Rahmen der Schüttübungen Schritt für Schritt und vollständig entwickeln und PädagogInnen den Entwicklungsstand der Kinder klar beobachten können, haben Saskia Haspel und ich einen didaktischen Leitfaden für die Schüttübungen und auch für die Löffelübungen entwickelt. Er beachtet sowohl die Stufen kindlicher Entwicklung als auch das didaktische Prinzip „Vom Einfachen zum Komplexen“ unter Berücksichtigung der Isolation der Schwierigkeit. Anhand der didaktischen Reihen ist es leichter möglich, die vorbereitete Umgebung auf die Kinder abzustimmen und dem einzelnen Kind „die gute Darbietung im rechten Augenblick“ zu geben.

Im Hinblick auf die motorische Entwicklung, die von der Großmotorik zu Feinmotorik erfolgt, gilt es zunächst drei Ebenen des Schüttens zu unterscheiden:

1. Das Hin- und Herschütten mit zwei identen (gleich großen, gleich geformten, gleich gefärbten …) Gefäßen

Es geht dabei um das Kennenlernen des Schüttvorganges (1. Stufe einer Drei-Stufen-Lektion).

Durch die Wahl zweier identer Gefäße kann das Kind seine Aufmerksamkeit voll auf den Vorgang des Eingießens (Auge-Hand-Koordination) lenken ohne von der Frage des Volumens abgelenkt zu sein. Sie ermöglichen das Arbeiten mit beiden Händen und sind daher für entwicklungsmäßig junge Menschen gedacht, deren Handdominanz noch nicht ausgeprägt ist (unabhängig vom tatsächlichen biologischen Alter).

Darüber hinaus finden Kinder, wenn sie abwechselnd mit beiden Händen arbeiten, in einen ruhigen und auch beruhigenden Arbeitsrhythmus und stimulieren dabei ständig beide Gehirnhälften. Auch das Überschreiten der Körper-Mittellinie erfolgt durch beide Hände und in beide Richtungen.

Aus diesen Gründen ist es nicht sinnvoll, das Schütten im Stadium des Hin- und Hergießens nur mit der dominanten Hand (so sie überhaupt schon ausgeprägt ist) anzuregen und viel weniger noch die Schreibrichtung zu beachten. Dies schon deshalb nicht, weil rechtshändige Kinder die Bewegung gegen die Schreibrichtung ausführen. Damit fallen auch schwierige Zusatzhandlungen wie das Drehen des Tabletts oder das Tauschen der Gefäße weg, die das Kind von der seinem Entwicklungsstand angepassten Tätigkeit des Hin- und Hergießens ablenken würden. Selbstverständlich kann ein Kind aber im experimentellen Umgang auch nur eine Hand (unabhängig von irgendwelchen Dominanzen) verwenden.

Die Erarbeitung und Beachtung der Schreibrichtung ist einer anderen – wenn auch ähnlichen -Materialgruppe immanent: den Löffelübungen.

2. Das Gießen aus einem großen Gefäß in mehrere idente kleinere

Auf dieser Ebene geht es um das Verteilen, das bereits einen wesentlich komplexeren Vorgang darstellt. Wir beginnen zuerst mit dem Verteilen auf 2 Gefäße und steigern mit der Zeit bis auf 5 gleich große Gefäße. Wichtig ist dabei, dass im großen Gefäß exakt die Menge vorbereitet ist, die in die kleinen gut hineinpasst.

Gekennzeichnet ist die Arbeit durch die Erfahrung des Voll-Werdens bis hin zum Übergehen, wodurch die sinnliche Grundlage für die Auge-Hand Koordination gelegt wird. Das Kind beobachtet die ansteigende Menge, nimmt wahr, dass es nun absetzen muss und setzt die dazupassende Handlung. Für unsere jüngsten Kinder ist dies eine intermodale Höchstleistung, die von ihnen auch oft sprachlich kommentiert wird (z. B. mit „stopp“).

Was den motorischen Prozess anlangt entspricht diese Ebene der Stufe des Wiedererkennens (2. Stufe der Dreistufen-Lektion).

Neben der Verfeinerung der Auge-Hand Koordination geht es hier auch um die indirekte Vorbereitung auf mathematische Prozesse. Die Erfahrung verschiedenster Volumina findet hier ebenso statt wie ein erstes Erleben der Division, wenn die Kinder versuchen, „ganz gerecht“ zu verteilen. Da die Gesamtmenge genau in die kleinen Gefäße passt, können wir von Vorerfahrungen zur „Division ohne Rest“ sprechen.

3. Das Gießen aus einem großen in verschiedenste kleinere Gefäße

Diesen Bereich nennen wir auch gerne experimentelles Schütten, das allerdings nicht mit wahllosem „Pantschen“ verwechselt werden darf. Es geht darum dass das Kind, das bereits verschiedenste Schütterfahrungen gesammelt hat, diese nun auf der Ebene der Aktiven Beherrschung (3. Stufe der Drei-Stufen-Lektion) perfektionieren und genießen kann.

Sowohl in der Wahl der Gefäße als auch in der Wahl des Schüttgutes stehen uns und den Kindern viele Möglichkeiten offen: z. B. Verteilen aus einem großen in verschiedene kleine Gefäße (Vorerfahrung zur Subtraktion, höhere Anforderungen an die Auge-Hand-Koordination) oder auch die Arbeit mit Messgefäßen (vor allem im Schulalter im Zusammenhang mit mathematischen Erkenntnissen sehr beliebt).

Da diese drei Ebenen aber noch lange nicht der Vielfältigkeit kindlicher Entwicklung entspricht, müssen wir noch weitere Differenzierungsmöglichkeiten anbieten können. Dies geschieht zum einen durch die Wahl des Gefäßes und zum anderem durch die Wahl des Schüttgutes.

Die Beschaffenheit der Gefäße

Maria Montessori schrieb einmal, dass das Material immer so beschaffen sein müsse, dass es dem Kind gewissermaßen zuriefe „Ich bin interessant, nimm mich in die Hand!“. Das heißt also immer auch dass wir Gläser, Kannen u.ä. verwenden auf die das Merkmal der Ästhetik zutrifft. Schöne Dinge geben den Kinder ein schönes, gutes Gefühl und das ist eine Voraussetzung um sich selber auch gut fühlen zu können.

Durch die Wahl von Glas und Porzellan drücken wir aus, dass wir das Kind für fähig erachten mit echten Dingen hantieren zu können. Darüber hinaus erhält das Kind von diesen Materialien bessere Informationen für die Tiefenwahrnehmung als von Kunststoff. Gerade Kinder mit Konzentrationsproblemen oder mit motorischen Defiziten bekommen duch Glas oder andere „schwere“ Materialien eher die Möglichkeit ihre Bewegungen dosieren zu lernen als bei leichten Materialien.

Beim Gang durch Geschirrgeschäfte, Flohmärkte etc gilt es jetzt nur mehr an die betroffenen Kinder zu denken und die „Gefäß-Kriterien“ zu Hilfe zu nehmen:

Zylindrische Gefäße machen die Beobachtung des Füllvorgangs einfacher als konische, da in ersteren das Tempo des Füllens gleich bleibt.

Ein durchsichtiges Gefäß erlaubt die Beobachtung auch von der Seite und ist somit einfacher zu bedienen als ein undurchsichtiges, bei dem man nur aus der Aufsicht Rückschlüsse auf den Füllstand ziehen kann.

Das Verwenden von Gefäßen mit Henkeln, Schnäbeln und Deckeln stellt eine weitere Möglichkeit dar das Montessori-Prinzip der Isolation der Schwierigkeit anzuwenden: Während Gefäße ohne Henkel und Schnabel durch einfaches Kippen des Unterarms aus dem Ellbogengelenk zu leeren sind, erfordert die Arbeit mit Henkel und Schnabel zunächst eine Wendung der ganzen Hand nach innen und dann noch eine Rotation des Handgelenks nach oben.

Zu guter Letzt müssen die Gefäße auch gefüllt werden und die Wahl des Schüttgutes beeinflusst den Charakter der Arbeit in großem Maß. Erstes Gießen erfolgt meistens mit trockenem, gekörnten Material wie Getreide, Sand oder andere Naturmaterialien. Je nach Größe der Körnung (die auch in Bezug zum Gefäß gewählt werden muss) sind unterschiedlichste Bewegungen und Bewegungsmuster nötig um den Inhalt gießen bzw. verteilen zu können. Schwieriger als trockenes Material ist nur noch Wasser, da es jede Bewegung sofort mitmacht und eine große Herausforderung bezüglich der Reaktionsschnelligkeit darstellt. Doch nicht nur das: Durch die physikalische Eigenschaft des Wassers an Gefäßen hängen zu bleiben, bildet sich immer ein „Letzter Tropfen“. Dieser letzte Tropfen macht auch den Einsatz eines Schütttuches notwendig und ermöglicht damit sinnliche Erfahrungen mit dem physikalischen Phänomen der Adhäsionskraft.

Die Arbeit der Kinder mit diesen Materialien erfolgt zum einen nach einer entsprechenden Darbietung, die nach allen Regeln gezeigt wird, doch können die Kinder auch auf experimentellen Wegen die Funktionen einzelner Übungen erforschen und erfahren, wobei auf die Einhaltung der Grundregeln immer geachtet wird.

Schütten dient also einerseits der sensorischen und motorischen Entwicklung und andererseits der Nachreifung und Nachentfaltung bei älteren Kindern. So ist diese Materialgruppe nicht nur im Kinderhaus anzutreffen sondern auch in vielen anderen Bereichen.

Am Beginn der Grundschulzeit können einige Schütt – und natürlich auch Löffelübungen die grafomotorische Nachentfaltung der Kinder begleiten.

In der Arbeit mit behinderten Menschen aller Altersstufen nehmen sie seit vielen Jahren einen wichtigen Platz ein. Gerade in diesem Bereich gilt es besonders auf die Bedürfnisse der Kinder und Klienten zu achten, da hier auch oft noch eine große Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Lebensalter, dem motorischen Entwicklungsalter und dem kognitiven Vermögen besteht. Nur wenn wir allen Aspekten gerecht werden, kann die Arbeit Freude machen.

Eine weitere Frage, die von Eltern und PädagogInnen oft gestellt wird ist, ob man Schüttübungen nicht auch schon ganz jungen Kindern anbieten kann. Anbieten kann man natürlich immer, doch die Frage ist, was man damit bezwecken möchte. Besser als isolierte Übungen passen in dieser Altersgruppe Angebote, die das großmotorische Schütten ermöglichen. Zu Hause in der Badewanne, im Garten im Planschbecken oder in der Gruppe mit einer Schüttwanne oder einem Schütttisch können sehr junge Kinder die entsprechenden Erfahrungen machen. Dabei liegt ihre Konzentration noch mehr auf der Handhabung der Gefäße überhaupt und noch nicht so sehr in der Auge-Hand Koordination. So können wir häufig beobachten, dass Kinder es lieben zu beobachten, wie die Vogelhirse, der Reis oder das Wasser übergeht – diese sinnliche Erfahrung steht bei jungen Kindern offensichtlich im Vordergrund, noch lang bevor sie den Anspruch entwickeln, genau in das Gefäß hineinzutreffen, rechtzeitig abzusetzen oder gar den letzten Tropfen abzuwischen. Daher braucht es für junge Kinder immer eine Wanne mit Schüttgut und verschiedene Gefäße zum Erfahrungen-Sammeln. Die Arbeit mit kleinen Gefäßen auf einem Tablett kann erst ein späterer Schritt sein.

Wenn sie jetzt Lust bekommen haben noch mehr über das Thema Schüttübungen zu erfahren empfehle ich Ihnen den Besuch eines Einführungsseminars in die Grundlagen der Montessori-Pädagogik oder eines Elternseminars zu diesem Thema.

© Christiane Salvenmoser – Montessori-Zentrum, Wien 2001