Scientific Papers of the University of Pardubice, Series C, 8/2002, S. 199 – 208
Faculty of Humanities

Vortrag an der Universität Prag 2001

Saskia Haspel

1. Grundgedanken der Montessori-Pädagogik –
das „Kind im Mittelpunkt“

Maria Montessoris „Pädagogik vom Kinde aus“ ist nun bereits über 80 Jahre alt und doch noch immer genauso aktuell wie zu Beginn des reformpädagogischen Zeitalters.

Schlagworte unserer Zeit, wie „Das Kind in den Mittelpunkt stellen“ oder „Jedes Kind dort abholen wo es steht“ sind in der Montessori-Pädagogik schon seit Jahrzehnten verwirklicht. So bildet tatsächlich jedes einzelne Kind mit seinen individuellen Persönlichkeit, seinen besonderen Bedürfnissen und Fähigkeiten, seinen Stärken und Lernbereichen das zentrale Interesse unseres pädagogischen Handelns.

Montessori-Pädagogik bedeutet, Kinder in ihrer Persönlichkeit zu akzeptieren, ihnen achtungsvoll zu begegnen und sie auf ihrem Entwicklungsweg liebevoll und hilfsbereit zu begleiten. Unter diesen Gesichtspunkten ist es möglich, Kindern eine „Vorbereitete Umgebung“ zu schaffen, in der sie selbständig und eigenverantwortlich tätig werden können – eine Tätigkeit, die Voraussetzung ist für Entwicklung und Lernen.

„Wir müssen das Kind führen, indem wir es frei lassen.“ postulierte Maria Montessori und meinte damit jenen Freiraum, der es Kindern ermöglicht, zu selbstbewussten und verantwortlichen Persönlichkeiten heranzureifen. Diese Freiheit ist jedoch keine unbegrenzte, sondern ein Frauraum innerhalb klarer Rahmenbedingungen, die soziales Zusammenleben erst möglich machen. Freiheit im Sinne von selbständigem, verantwortungsbewussten Handeln setzt Montessori gleich mit „Meister seiner selbst“ zu sein – Selbstdisziplin zu entwickeln und Verantwortung für die eigenen Handlungen genauso zu übernehmen wie die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu achten.

1.1 Anthropologische Grundlagen

Montessori-Pädagogik ist geprägt von der Achtung gegenüber dem Kind, das während der Entwicklungszeit eine große Arbeit vollbringt – den Aufbau seiner selbst, den Aufbau des Menschen. So wird die Kindheit und Jugend nicht als ein „notwendiges Übel“ betrachtet, das möglichst schnell durchlaufen werden muss, sondern als ein besonders wichtiger Abschnitt im Leben, in dem diese Aufbauarbeit geleistet wird. Jede Entwicklungsphase hat ihre Bedeutung und ihren Sinn auf dem Weg zum Erwachsenwerden und braucht eine ganz bestimmte Zeit, um abgeschlossen zu werden und die Basis für den nächsten Entwicklungsschritt zu bilden.

Nun haben Erwachsene viel gehört, gelesen, studiert – Pädagogik, Psychologie, Entwicklungspsychologie und anderes mehr – und trotzdem: Nicht der Erwachsene sondern das Kind selbst ist der Experte/die Expertin für seine Entwicklung.

Maria Montessori zog um 1930 in einem Vortrag in England einen Vergleich mit der Tierwelt: „Angenommen, eine närrische Froschmutter würde ihren kleinen Kaulquappen im Teich sagen: ‚Kommt heraus aus dem Wasser, atmet die frische Luft ein, vergnügt euch im grünen Gras, dann werdet ihr alle zu starken, gesunden kleinen Fröschen heranwachsen. Kommt schon mit, Mutter weiß es am besten!‘ Wenn dann die kleinen Kaulquappen versuchten zu gehorchen, würde das gewiss ihr Ende bedeuten.“1

Nur das Kind kann authentisch seine inneren Bedürfnisse spüren und aus ihnen heraus tätig werden. Jeder Eingriff in spontane Tätigkeiten des Kindes, jede Korrektur des Erwachsenen stört den natürlichen Entwicklungsprozess. Und mehr noch: Je stäker sich Erwachsene in die kindliche Entwicklung einmischen, desto mehr verlieren Kinder die Fähigkeit zu spüren, was zu welchem Zeitpunkt für sie richtig ist, und desto abhängiger werden sie von den Erwachsenen.

Hilfreich in diesem Prozess der spontanen Aktrivität ist das selektive Wahrnehmungsvermögen des Menschen. Ist die innere Bereitschaft für eine bestimmte Wahrnehmung gegeben, so werden wir ihr leichter begegnen. Beispiele kennt jeder Mensch aus dem täglichen Leben: Wenn ich vor einer Buchhandlung stehe, nehme ich nur einen Teil aller ausgestellten Bücher wahr – nämlich genau diejenigen, deren Titel mich interessieren. Eine Frau, die gerade ein Kind erwartet, sieht plötzlich überall andere schwangere Frauen und Frauen mit Kinderwägen. Jugendliche, die bald 18 Jahre alt werden und sich darauf freuen, den Führerschein erwerben zu können, sehen plötzlich überall Fahrschulautos.

So ist tatsächlich der einzelne Mensch jeweils selbst der Experte dafür, welche Angebote aus der Umgebung er für sein derzeitiges Interesse, für seine momentane Entwicklung braucht. Wenn es uns gelingt, dieses Vertrauen in Kinder zu setzen, können wir beobachten, wie Kinder tatsächlich selbstbestimmt und kompetent für ihre Entwicklung sorgen.

1.2 Entwicklungspsychologische Grundlagen

Entwicklungsperioden und „Sensible Phasen“

Maria Montessori teilt die Entwicklung des Menschen bis zum Erwachsenenalter in vier große Abschnitte zu jeweils 6 Jahren ein. Jede dieser Entwicklungsperioden ist geprägt von bestimmten Sensiblen Phasen. Dies sind Zeiträume der inneren Bereitschaft, einen ganz bestimmten Entwicklungsschritt zu setzen. In dieser Zeit ist das Kind besonders aufnahmebereit für jene Eindrücke, die diesen Entwicklungsschritt erleichtern oder ermöglichen, und all die Angebote aus der Umgebung, die dazu notwendig oder hilfreich sind. Während der Sensiblen Periode für einen Lernschritt kann dieser leicht und freudvoll erfolgen, während das selbe Lernangebot das Kind zu einem anderen Zeitpunkt über- oder unterfordern würde.

Ich möchte beispielhaft auf den ersten Lebensabschnitt (0 bis 6 Jahre) näher eingehen, der von drei großen Sensibilitäten geprägt wird: Die Entwicklung der Sprache, die Entwicklung der Motorik – und zwar in zweierlei Hinsicht: das Greifen mit der Hand und die eigene Bewegung durch den Raum – sowie die Sensible Phase für Ordnung.

Die Entwicklung der Motorik und der Sprache ist Erwachsenen normalerweise bewusst, die Sensibilität für Ordnung verdient vielleicht etwas mehr Erklärung:

Im ersten Lebensabschnitt brauchen Kinder äußere Ordnungsstrukturen, um sich in der Welt zurechtzufinden, um Orientierung und Halt zu finden. Sie sind abhängig von dieser äußeren Ordnung um ein Gefühl der Sicherheit, Verlässlichkeit, Geborgenheit und des Schutzes aufbauen zu können. Nach und nach bildet sich anhand der äußeren Ordnungsstrukturen die innere Ordnung des Kindes: Bereits vorhandene Erfahrungen werden geordnet, systematisiert, auf eine bewusste Wahrnehmungsebene gehoben. Neu hinzukommende Erfahrungen können dadurch mit der Zeit in dieses System eingeordnet werden.

In der Beobachtung von Kindern können wir feststellen, dass junge Kinder gern ihnen bereits bekannte Ordnungen wieder herstellen – zum Beispiel alle Stühle zum Tisch schieben – und umgekehrt in große Aufregung, ja Angst verfallen können, wenn etwas aus der Ordnung gerät. Denken Sie nur an Szenen, in denen jemand zu Besuch kommt und vielleicht eine große Tasche auf den Tisch stellt, auf dem normalerweise keine Taschen stehen. Oder der Briefträger, der normalerweise vor der Tür stehen bleibt, kommt eines Tages in die Wohnung, um ein schweres Paket hereinzutragen. In solchen Situationen können Kinder, die gerade sensibel für die Aufrechterhaltung ihrer Ordnung sind, oft sehr heftig reagieren, untröstlich weinen. Und sie beruhigen sich erst, wenn die Ordnung wiederhergestellt ist.

Jeweils ungefähr in der Hälfte einer Entwicklungsperiode verändert sich die Qualität der Sensiblen Phasen: Dienen die ersten drei Jahre dem Aufbau bestimmter Fähigkeiten, so ist in der zweiten Hälfte deren Ausbau und Verfeinerung zu beobachten.

Dazu kommt noch, dass in den ersten drei Lebensjahren vorwiegend eine unbewusste Form der Intelligenz wirkt. Maria Montessori nannte sie „Absorbierender Geist“. In dieser Zeit saugt das Kind alle Eindrücke, von denen es umgeben ist, förmlich wie ein Schwamm auf und speichert sie zunächst unbewusst und ungeordnet. In den weiteren Lebensjahren findet ein umfangreicher Prozess des Strukturierens und der Bewusstwerdung statt. So entwickelt sich das Kind mit ungefähr drei Jahren „vom unbewussten Schöpfer zum bewussten Arbeiter“.

Solche Sensiblen Phasen sind auch in den anderen Entwicklungsperioden zu beobachten. Beispiele sind die Entwicklung des moralischen Bewusstseins und das Interesse für die Naturwissenschaften bei den 6- bis 12-jährigen sowie die große Lebensfrage der 12- bis 18-jährigen, welchen Platz sie einmal in unserer Gesellschaft einnehmen werden. Schwerpunkte der gedanklichen Auseinandersetzung bilden in dieser Zeit die Berufswahl, Partnerwahl, Familiengründung sowie das Finden von Vorbildern für ihr eigenes Leben.

2. Entwicklungsanregungen durch die Umwelt

Die Vorbereitete Umgebung

Um die Sensiblen Phasen bestmöglich für seine Entwicklung nützen zu können, braucht das Kind eine altersadäquate Umgebung und zwar im sozial-emotionalen, im senso-motorischen und im kognitiven Bereich. Je jünger das Kind, desto stärker ist das Lernen an Gefühlserlebnisse geknüpft und desto stärker findet es auf der senso-motorischen Ebene statt.

Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es, dem Kind eine in jeder Hinsicht passende Umgebung zu schaffen. Drei große Bereiche sind hier zu bedenken: die Sachumgebung, die menschliche Umgebung und die Atmosphäre.

2.1 Die Sachumgebung
Die Vorbereite Umgebung im engeren Sinn

In den meisten Kinder-Betreuungseinrichtungen und Schulen nimmt die Einrichtung zumindest teilweise bereits auf die Größe der Kinder Rücksicht. Dass diese Idee auf Maria Montessori zurückgeht, weiß heutzutage fast niemand mehr. In Montessori-Einrichtungen wird jedes Regal, jeder Tisch, das Geschirr und alle anderen Dinge des praktischen Lebens auf die Größe und Kraft der Kinder abgestimmt – bis hin zur Höhe der Türschnallen und Lichtschalter.

Einen besonderen Stellenwert nimmt die Ausstattung mit Materialien für die Hand des Kindes ein, anhand derer es seine individuellen Entwicklungsschritte setzen kann. Das Montessori-Material ist von mehreren Merkmalen geprägt:

2.1.1 Materialmerkmale

Das Merkmal der Ästhetik

Kinder fühlen sich von der Schönheit des Materials angezogen, aufgefordert etwas damit zu tun. Sie spüren das Vertrauen, das wir in sie setzen, diese wertvollen Materialien sorgsam zu handhaben, und freuen sich an Dingen, die sie in anderen Lebenssituationen oft nicht angreifen dürfen.

Auf Ordnung, Sauberkeit und Vollständigkeit des Materials wird in Montessori-Einrichtungen besonders geachtet. Mit der Zeit lernen die Kinder, selbst Verantwortung für den Zustand des Materials und der Vorbereiteten Umgebung insgesamt zu übernehmen.

Das Merkmal der Isolation

Jeder Lernschritt kann und soll isoliert erarbeitet werden. So erfolgt die für tiefe Konzentration notwendige Fokussierung auf das neu zu Erarbeitende. Wir setzen dabei jeweils einen Schritt vom Bekannten zum Unbekannten, gehen also von etwas bereits Gelerntem aus und zeigen eine und zwar nur eine neue Dimension. So kann das Kind Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten aufbauen, Überblick über seine Entwicklung bewahren und fühlt sich im passenden Maß gefordert ohne überfordert zu sein.

Das Merkmal der Erfolgskontrolle

Jedes Material verfügt über eine immanente Fehlerkontrolle oder bietet die Möglichkeit zur Selbstkontrolle. So kann das Kind seine Arbeit und seinen Erfolg eigenständig kontrollieren, Lösungswege für die Korrektur der Fehler finden, ohne vom Erwachsenen abhängig zu sein bzw. gelobt oder getadelt zu werden.

2.1.2 Materialgruppen

Die Angebote der Vorbereiteten Umgebung orientieren sich an den Fähigkeiten, Bedürfnissen und Interessen der Kinder. Dies setzt eine genaue Beobachtung der Kinder ebenso voraus wie die Kenntnis und das Erkennen von Sensiblen Phasen.

Maria Montessoris Entwicklungsmaterialien entstanden aus der Beobachtung der Kinder und der Arbeit mit ihnen. Sie dienen der Entwicklung des Kindes und haben verschiedene Aufgaben:

Die Übungen des täglichen (praktischen) Lebens helfen dem Kind, Schritt für Schritt unabhängig von der Hilfe anderer zu werden, für sich selbst und für die Umgebung selbständig sorgen zu können, seine Motorik ebenso wie seine Koordination immer mehr zu verfeinern und zu beherrschen, komplexe Handlungsabläufe zu durchschauen, nachzuvollziehen und letztendlich vorausplanen zu können.

Die Sinnesmaterialien unterstützen das Kind bei der Verfeinerung seiner Sinneswahrnehmungen, bei der Ausdifferenzierung seiner Sicht der Realität und beim Aufbau seiner inneren Strukturen, in die es alle bereits erlebten aber noch ungeordneten Sinneserfahrungen einordnen kann, sodass neu hinzukommende Erfahrungen nach und nach in bereits vorhandene Strukturen aufgenommen werden können.

Die didaktischen Materialien zu Mathematik, Sprache und Schrift ermöglichen es dem Kind, abstrakte Lerninhalte über die Tätigkeit mit konkretem Material im wahrsten Sinn des Wortes zu begreifen. Strukturen werden sicht-, fühl- und erlebbar, konkrete Handlungen in kleinen Schritten in den abstrakten Bereich übergeführt, sodass ganzheitliches, kindgerechtes, entwicklungsadäquates Lernen möglich ist.

Die Materialien und Arbeitsmöglichkeiten zum Bereich Kosmische Erziehung bieten dem Kind vielfältige Möglichkeiten, durch Staunen über beobachtbare Phänomene und experimentelles, entdeckendes Lernen zu Erkenntnissen im naturwissenschaftlichen Bereich zu gelangen. „Den Keim für die Naturwissenschaften zu legen“ nannte Maria Montessori als eine der Aufgaben der Kosmischen Erziehung, die ihren aktuellen Bezug auch in der Ökologie- und Friedenserziehung findet. Wenn Kinder die großen Zusammenhänge der Welt zu durchschauen beginnen, die dahinter liegende Ordnung erkennen, können sie Achtung vor der Natur, dem Menschen und seinem Werk ebenso wie gegenüber allen anderen Lebewesen entwickeln. Diese Achtung bildet die Basis für den Aufbau von Akzeptanz und Toleranz – notwendige Voraussetzung für ein friedvolles Leben.

2.2 Die menschliche Umgebung
Die „gute Lehrerin“

Neben der Bereitstellung der Vorbereiteten Umgebung haben Montessori-PädagogInnen noch eine Reihe anderer Aufgaben:

Eines der wichtigsten Anliegen der Erwachsenen ist es, dem Kind einerseits zu helfen, wo es Hilfe braucht, ihm aber auf der anderen Seite genug Zeit und Möglichkeit für eigene Versuche zu lassen, sodass der eigene Lernprozess und die Freude daran, „es allein geschafft“ zu haben, erhalten bleiben. Wenn wir uns bewusst machen, dass die Entwicklung von Selbständigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Selbstvertrauen und damit das Loslösen von der Hilfe und damit auch Abhängigkeit vom Erwachsenen in jeder Entwicklungsperiode ein zentrales Thema darstellt, können wir verstehen, dass die Bitte eines jungen Kindes an Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun!“ zum Leitsatz ihrer Pädagogik geworden ist.

Nicht einzugreifen, nicht zu manipulieren, nicht zu korrigieren ist die hohe Kunst der Montessori-Pädagogik. Dazu gehört es, aus der Beobachtung der Kinder heraus abschätzen zu können, wann Hilfe notwendig und sinnvoll ist und in welcher Form sie gewährt werden soll. Kann ein Kind den Reißverschluss seiner Jacke noch nicht schließen, wird es notwendig sein zu helfen. Es wird aber überflüssig sein, dem Kind diese Arbeit ganz abzunehmen. Meist genügt es, den schwierigen Prozess des Einfädelns zu übernehmen. Festhalten und ziehen kann das Kind dann schon wieder selbst. Es erlebt so schwerpunktmäßig immer wieder seine Fähigkeiten und Stärken und kann aus dieser Erfahrung Selbstvertrauen entwickeln.

Besondere Bedeutung nimmt in unserer Arbeit die Darbietung ein. Einem Kind ganz genau, langsam und analytisch zu zeigen, wie man eine Masche bindet, einen Buchstaben schreibt oder eine Quadratwurzel zieht, ist die Aufgabe des/der Erwachsenen. Die Arbeit zu übernehmen, zu probieren, Fehler zu machen, die Fehler zu bemerken, sie selbst zu korrigieren, weiter zu üben, sich zu perfektionieren, ist Aufgabe des Kindes. Die Entwicklungsmaterialien geben dem Kind die Möglichkeit, jeden Lernschritt zu erarbeiten, zu üben und zu festigen, zu kontrollieren und zu korrigieren.

Nicht wir korrigieren die Arbeit des Kindes, sondern das Material zeigt den richtigen Weg. „Lehrend lehren nicht korrigierend lehren“ war Maria Montessoris Vorgabe für Montessori-PädaogInnen. So ist das Kind auch im sensiblen Bereich des Fehler-Machens unabhängig von uns, und alle negativen Gefühle, die Kinder unter Umständen durch häufige Korrektur von außen entwickeln, sind Montessori-Kindern fremd.

Sich selbst immer wieder zurückzunehmen, damit das Kind frei tätig werden kann, und das Kind in seinem Entwicklungsprozess liebe- und respektvoll zu begleiten, stellt die tägliche Herausforderung unserer Arbeit dar.

Die wichtigsten Fähigkeiten von Montessori-PädagogInnen sind:

  • Kindern liebevoll und achtsam zu begegnen
  • sie als Persönlichkeit zu respektieren und auf ihrem Entwicklungsweg zu begleiten
  • eine genaue, stärkenorientierte Beobachtungsgabe
  • die Möglichkeit, richtige Schlüsse aus der Beobachtung zu ziehen und daraufhin passende Angebote zu setzen
  • die Beherrschung des Materials, um Kindern eine „gute Darbietung im rechten Augenblick“ geben zu können
  • Ruhe und Zurückhaltung und doch völlige Präsenz in der Begleitung der Kinder
  • Klarheit und Authentizität im Umgang mit den Kindern – in der Darbietung genauso wie im Setzen von Grenzen

2.3 Die Atmosphäre

Nur in einer liebevollen, entspannten Atmosphäre haben Kinder die Möglichkeit, sich ungestört zu entwickeln. Vertrauen in die Umgebung sowie Zutrauen in sich selbst entwickeln zu können, in Ruhe und Geborgenheit zu leben, sich auf Strukturen und Regeln verlassen zu können – all das schafft ein Gefühl der Sicherheit und der Eutonie, aus dem heraus auch die Ruhe und Bereitschaft für Lernprozesse entsteht.

So besteht die Aufgabe der PädagogInnen auch darin, auf diese ruhige, entspannte Atmosphäre zu achten. Das Besprechen und die Einhaltung von Regeln, die für das soziale Zusammenleben notwendig sind, die Begleitung sozialer Konflikte, von Trauer und Schmerz ebenso wie von Glück, Freude und Erfolg – Anteilnahme an den Gefühlen der Kinder, das Schaffen echter kommunikativer Situationen durch Zuwendung: Diese Prozesse bilden einen Großteil unserer täglichen Arbeit.

Die Erfahrung der Geborgenheit und der eigenen Fähigkeiten, gut begleitet auch mit schwierigen Situationen fertig zu werden, schafft Eigenverantwortlichkeit und Selbstvertrauen und hilft, soziale und kommunikative Kompetenz aufzubauen.

3. Der „Unterricht“ – Die Freiarbeit

Eine gute Vorbereitete Umgebung ist notwendige Voraussetzung für selbsttätige Entwicklung im Rahmen der Freiarbeit. Während der Freiarbeit entscheiden die Kinder selbst, welche Lern- und Arbeitsangebote sie annehmen, welcher Aufgabe sie sich innerhalb welches Zeitrahmens zuwenden, mit wem sie zusammenarbeiten und wo sie ihren Arbeitsplatz vorbereiten. Für all diese Entscheidungen finden Absprachen zwischen den Kindern ebenso statt wie Hilfestellungen der Erwachsenen, wo sie erwünscht und nötig sind. Somit werden die sozialen Prozesse, die zur Regelung der Freiarbeit notwendig sind, genauso wichtig wie die eigentliche Arbeit selbst.

In der Freiarbeit arbeiten die Kinder vorzugsweise einzeln oder paarweise, fallweise auch in kleinen Gruppen. Die Wahl der Sozialform ist den Kindern freigestellt und wird bei Bedarf von den PädagogInnen begleitet. Da die Gruppengröße abhängig von der gewählten Arbeit ist, lernen Kinder auch, die am besten geeignete Sozialform herauszufinden und anzuwenden. Konzentrierte Einzelarbeit hat genauso ihren Platz wie Teamarbeit, in der jedes Kind seine Stärken zum Wohl des Gruppenergebnisses einbringen kann.

Da Montessori-Kinder in Freiarbeit lernen, entwickeln sie ihre Fähigkeiten im eigenen individuellen Tempo. Immer wieder zeigt sich, dass Entwicklung nicht beschleunigt werden kann, dass sie im jeweils eigenen Tempo und Aufbau belassen werden muss, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, auf gefestigten Grundlagen den nächsten Entwicklungsschritt zu setzen.

4. Die Polarisation der Aufmerksamkeit

In der Freiarbeit innerhalb einer den Sensiblen Phasen entsprechenden Vorbereiteten Umgebung, begleitet von liebevoll zurückhaltenden Erwachsenen zeigt sich das Phänomen der Polarisation der Aufmerksamkeit: Zeiträume tiefer Konzentration, kostbare Augenblicke, in denen die eigentliche Entwicklungsarbeit vor sich geht.

5. Ein Weg für alle

Durch die individuelle Entwicklungsmöglichkeit, in der alle Bereiche – kognitive wie senso-motorische, soziale wie emotionale – in gleichem Maß ihren Stellenwert haben, eignet sich die Montessori-Pädagogik nicht nur für alle Kinder sondern erscheint auch für alle Arten der Integration besonders geeignet. Nach Maria Montessori ist der Weg, den die Schwachen gehen, um sich zu stärken, der gleich, den die Starken gehen, um sich zu vervollkommnen. Montessori-Pädagogik ist ein didaktisch-methodisch durchkomponiertes Konzept, das durch seine große Individualität allen Kindern gerecht werden kann.

So betrachtet bekommt die Montessori-Pädagogik in unserer Zeit der Integrationsbestrebungen auf der einen und der Diskussion um Hochbegabtenschulen auf der anderen Seite eine weitere aktuelle Dimension, die uns in der täglichen Arbeit immer wieder vor Augen geführt wird:

Das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von in einzelnen Bereichen unterschiedlich begabten Kindern, von Kindern unterschiedlicher Herkunft auf unterschiedlichem Entwicklungsstand mit verschiedenen Erfahrungen, Interessen, Vorlieben und Abneigungen, von behinderten und nicht behinderten Kindern ist mit einer differenzierenden Methode möglich. Diese natürliche Situation unterschiedlichster Kinder bietet größtmögliche Entwicklungschancen für jedes einzelne Kind – sei es durch das Vorbild und die Hilfe anderer, sei es durch eigene Hilfestellungen, bei denen bereits erworbenes Wissen und Können auf einer nochmals anderen Ebene erprobt werden kann.

6. Das Ziel

Aus dem Erleben der liebevollen, respektvollen Begleitung und der Akzeptanz der eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse, Stärken und Lernbereiche, Gefühle und Gedanken kann ein Kind Liebe und Respekt gegenüber anderen Menschen und deren Besonderheiten entwickeln. Das Kind erlebt sich als eigenständige, geachtete Persönlichkeit und kann so Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein aufbauen. Aus der Sicherheit der liebevollen Geborgenheit einerseits und der Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit innerhalb eines klaren Orientierungsrahmens andererseits lernt das Kind, Verantwortung für sich selbst, die Gemeinschaft und die Umgebung zu übernehmen und sorgt letztendlich von sich aus für ein achtsames, friedliches Zusammenleben.

Statt einer Zusammenfassung zitiere ich nochmals Maria Montessori: Ein Stück aus einer von ihr zusammengestellten, langen Liste, die beschreibt, welcher Aufgaben wir uns als Montessori-PädagogInnen bewusst sein sollten:

Aufgaben des Lehrers, der Lehrerin des/der Erwachsenen in der Montessori-Pädagogik:

  • „Er muss das Kind, das arbeitet, respektieren, ohne es zu unterbrechen.
  • Er muss das Kind, das Fehler macht, respektieren, ohne es zu korrigieren.
  • Er muss das Kind, das sich ausruht und die Arbeit anderer betrachtet,
    respektieren, ohne es zu stören und ohne es zur Arbeit zu zwingen.
  • Er muss aber unermüdlich sein, denjenigen immer wieder Arbeiten anzubieten,
    die sie schon einmal abgelehnt haben oder bei denen sie noch Fehler machen.

Und dies, indem er seine Umgebung mit seinem Sorgen belebt, mit seinem bedachten Schweigen, mit seinem sanften Wort – mit der Gegenwart jemandes, der liebt.“ 2

Literatur:
1) Montessori, Maria: Spannungsfeld Kind – Gesellschaft – Welt. (Hg.: Schulz-Benesch, Günter). – Freiburg i. Br. 1979
2) a.a.O.

© Saskia Haspel – Montessori-Zentrum, Wien 2001