Erschienen in „Montessori aktuell“

Die „grande dame“ der Wiener Montessori-Bewegung der Zwischenkriegszeit

Mag.a Jutta Haslinger-Mayer

Das wäre ohne sie nicht gekommen. Wir waren viel zu jung, na ja, wir hätten gar nicht existiert ohne sie. …Nein die ganze Wiener Montessori-Bewegung wäre ohne sie nicht Zustande gekommen. Das Geld kam von wo anders und die gute Umgebung, aber die Weiterführung und die Hilfe für die städtischen Kindergärten war von ihr, und die Ausbildung vor allem. 1)

So erinnerte sich Emma Plank, eine Schülerin und Weggefährtin, an Lili Esther Peller-Roubiczek, die große Dame der österreichischen Montessori-Bewegung der Zwischenkriegszeit. Neben der Gründung des „Haus der Kinder“ in der Troststraße, engagierte sich Lili Peller-Roubiczek in Öffentlichkeitsarbeit, suchte den Kontakt zu namhaften Wissenschaftlern und einflussreichen Politikern ihrer Zeit und organisierte die ersten Montessori-Ausbildungslehrgänge, um so die Montessori-Pädagogik in Wien zu etablieren.

Doch wer war diese Frau? Lili Esther Roubiczek kam am 29. Februar 1898 als Kind einer wohlhabenden, jüdischen Familie in Prag zur Welt. 2) Ihr Vater, ein erfolgreicher Textilfabrikant, liebte seine Tochter sehr, überließ aber die Erziehung vor allem seiner Gattin, „a beautiful society lady who had little understanding for Lili´s goals in life, so different from her class and time, and found more joy in the older son, Kurt.“ 3)

Geborgenheit und Liebe fand Lili Roubiczek bei ihrem tschechischen Kindermädchen, das ihr auch die tschechische Sprache beibrachte. Die Familie gehörte der deutschsprachigen Minderheit an, die im Prag der Jahrhundertwende die intellektuelle Oberschicht bildete. Bis ins hohe Alter von Kosicchen, wie Lili ihr „Fräulein“ liebevoll nannte, hielt sie Kontakt zu ihr.

Nach dem Schulabschluss begann Lili Roubiczek 1917 das Studium der Biologie an der deutschen Karl-Ferdinand Universität, wechselte allerdings ihr Studienfach und inskribierte Pädagogik. Emma Plank vermutete „Could it be that her interest sprang from her wish to have been better understood as a child herself?“ 4) 1920 verließ sie Prag und begann Psychologie bei Prof. Bühler in Wien zu studieren. Karl Bühler regte sie zu Forschungen auf dem Gebiet der frühkindlichen Sprachentwicklung an.

Eine entscheidende Wende nahm Lili Roubiczeks Leben, als sie sich 1921 entschloss, den Ausbildungskurs bei Maria Montessori in London zu besuchen. An diesem Kurs nahm übrigens auch Clara Grunwald, eine der führenden Persönlichkeiten der Berliner Montessori-Bewegung, Teil. 5)

Noch während ihrer Zeit in London beschloss sie gemeinsam mit dem Australier Lawrence A. Benjamin in Wien ein Kinderhaus zu gründen. Ihre von der Natur aus mitgegebenen Eigenschaften, die sie zu kultivieren wusste, halfen ihr, ihr Vorhaben erfolgreich in die Tat umzusetzen.

Lili Roubiczek strahlte wie Maria Montessori selbst eine Art von Intelligenz , Charme und Energie aus, die idealistische, junge Leute anzog. 6)

Sowohl Maria Montessori als auch führende Politiker der Gemeinde Wien verfolgten ihre Arbeit mit zunehmendem Interesse. Maria Montessori erkannte in Lili Roubiczek eine überaus begabte Schülerin, auf deren Fähigkeiten sie bei der Abhaltung weiterer Ausbildungskurse nicht verzichten wollte. Lili Roubiczek assistierte bei mehreren Montessori-Lehrgängen.

Montessori vertraute Lili ausdrücklich – ich glaube sie war die einzige unter ihren Schülerinnen, die experimentieren und das System erweitern konnte. Lili begleitete sie oft auf ihren Reisen, als Katalysator und als Dolmetscherin. Ihre Hingabe für Dr. Montessori war zu dieser Zeit grenzenlos. 7)

Dass Lili Roubiczek neben der Leitung des „Haus der Kinder“ anderen Tätigkeiten nachgehen konnte, sagt auch einiges über die Kompetenz der dort arbeitenden Pädagoginnen aus.

… wir waren geschickt genug, dass sie nach dem ersten Jahr nicht mehr an die Gruppe gebunden war, sondern die Schriften Montessoris übersetzen, mit Montessori reisen, Kontakt in der Stadt suchen und den Ausbildungskurs organisieren und leiten konnte, während wir mit den Kindern arbeiteten. 8)

Neben einer regen Vortrags- und Publikationstätigkeit in namhaften pädagogischen Zeitschriften, begann Lili Roubiczek 1925 gemeinsam mit anderen Fachleuten Montessori-Ausbildungskurse für Pädagoginnen und Interessierte abzuhalten.

In den zwanziger Jahren wurden die Kontakte zu Politikern der Wiener Stadtregierung immer enger, im speziellen zu Julius Tandler (von 1920-1933 Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen).

Er war ja ein „ladies-man“. Ihm hat die Lili, glaub ich, sehr gut gefallen und ihr hat er wahrscheinlich sehr imponiert. Eine königliche Frau, die schön war. 9)

Lili Roubiczek erhielt eine Stellung als Konsulentin für Kindergartenfürsorge bei der Gemeinde Wien und wurde 1927 mit der Gründung des „Haus der Kinder“ am Rudolfplatz betraut.

Ende der zwanziger Jahre wuchs Lili Roubiczeks Interesse an der Psychoanalyse und deren Nutzbarkeit für die Erziehung. Ihre Vision war eine Synthese zwischen Montessori-Methode und Psychoanalyse. Nach Einschätzung Anna Freuds ist ihr dies auch gelungen.

The first meetings of my colleagues and myself with Lili Peller were most exciting ones. This was in Vienna, in the 1930´s, i.e., when we intent on forging links between psychoanalysis and education. At that time Lili Peller had already built up a model nursery school which combined the best elements of the Montessori method with the application of the most important principles of psychoanalytic child-psychology. Her work in that setting was admirable and acted as an inspiration. We formed contacts then which continued on a different level after she had become a psychoanalyst herself, and which did not cease to exist until her death. 10)

She maintained the best of ideas from educational philosophy, as well as the findings of the experimentations of Montessori, and created a synthesis between the most progressive educational thinking and discoveries of psychoanalysis. 11)

1931 beginnt Lili Roubiczek ihre Ausbildung zur Analytikerin bei Siegfried Bernfeld und setzte sie später bei Dr. Nunberg fort. 129 Mit einem Vortrag „Montessori-Pädagogik und psychoanalytische Pädagogik“ beendete sie ihre Ausbildung als Psychoanalytikerin und wurde außerordentliches Mitglied der psychoanalytischen Vereinigung.
Ihre Begeisterung für dieses neue Gebiet übertrug sie auch auf andere Montessori-Pädagoginnen. Sie stellte Kontakt zwischen diesen und Anna Freud her. Es kam zu regelmäßigen Zusammentreffen. Man sprach über Kinder, die Sorgen bereiteten, und versuchte, Diagnosen zu stellen. Anna Freud gab den Pädagoginnen hilfreiche Informationen im Umgang mit diesen Kindern.

Was wir eigentlich gelernt haben, war zu unterscheiden, was kann ich tun und was kann ich nicht tun, und wo finde ich Hilfe, wenn ich es nicht kann. Wir hatten Zugang zu den Leuten (Anm.: Anna Freud, August Aichhorn,…), die dann Fälle übernommen haben. 13)

Für Anna Freud war es eine willkommene Möglichkeit, eine Vielzahl an Kindern beobachten zu können. Der Nutzen dieser Zusammentreffen lag also auf beiden Seiten.

Die Pädagoginnen konnten durch die von 1931-34 stattfindenden Supervisionen mit Anna Freud ihre Fähigkeiten, mit schwierigen Kindern umzugehen, bedeutend erweitern. Die Psychoanalytikerinnen fanden im Kindergarten ein Praxisfeld vor, in dem sie selbst direkte Beobachtungen anstellen konnten. 14)

Bei Maria Montessoris Besuch 1930 in Wien machte Lili Roubiczek diese mit Anna Freud bekannt. Sie hoffte, dass sich aus dieser Begegnung eine Zusammenarbeit entwickeln könnte.

Aber Anna Freud die jüngere hatte sich schon so weit in das von ihrem Vater eroberte Gebiet und seiner Art, die Seele zu betrachten, hinausgewagt, dass Maria Montessori ihr nicht mehr folgen konnte … 15)

Und Emma Plank urteilte „Ich habe mich selber gefragt, ob die beiden Frauen, wenn sie sich intensiver getroffen hätten, miteinander etwas anfangen hätten können, und ich glaub eigentlich nicht.“ 16)

Enttäuscht über den misslungenen Versuch blieb Lili Roubiczek ihrem Weg treu.
In der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik publizierte sie mehrere Artikel, in denen sie mögliche Synthesen beider Systeme aufzeigte. In ihrer immer stärker werdenden Zuwendung zur Psychoanalyse dürfte die Ursache für ihre Entfremdung von Maria Montessori zu finden sein. Der Brief an Clara Grunwald legt Zeugnis davon ab.

Liebe Frau Grunwald, vielen Dank für ihre wohlwollende Kritik zu meinem Aufsatz in der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik. Der Dottoressa hat er nicht gefallen, sie ist über meine „Verschmelzung“ ihrer Pädagogik mit der Psychoanalyse sehr verärgert. Sie schrieb mir einen bitterbösen Brief und hat mir jede weitere Verschmelzung ihrer Theorie mit der Psychoanalyse untersagt. Sie will anscheinend lieber einseitig bleiben, als etwas von ihrer Entdeckung abzugeben. Sie kann nicht akzeptieren, dass wir gerade heute im Gesamtbild der Erziehung eine andere Bewertung vornehmen müssen. Nicht nur als psychoanalytische Erzieher. Ich habe den Eindruck, daß die Dottoressa einzig und allein über ihre Pädagogik bestimmen will. Ihr liegt das Herrschen schon im Blut! Die Montessori-Pädagogik ist ebenso wenig Ende und Vollendung der Erziehungslehre, wie irgendeines der vorangegangenen Erziehungssysteme. Soll ich mich um eine Versöhnung bemühen? Was raten Sie mir, die vor Jahren in einer ähnlichen Situation war? 17)

Charlotte Zwieauer vermutet einen weitern Grund für die Distanz zwischen Roubiczek und Montessori in deren „linken“ Heirat. 18) 1933 ehelichte Lili Roubiczek nämlich Dr. Sigismund Peller. Er arbeitete als Hygieniker bei der Gemeinde Wien, war ein Mitarbeiter von Julius Tandler und engagierter Sozialist. 19) Sein Engagement war letztlich auch die Ursache für die überstürzte Emigration im Februar 1934 nach Jerusalem, wo sie eine Elementarschule aufbaute und eng mit dem Institut für Psychoanalyse zusammenarbeitete.

1937 folgte Lili Peller-Roubiczek ihrem Mann, der eine Berufung an die John Hopkins Universität erhalten hatte, in die USA.1940 zog die Familie Peller nach New York. Während des Krieges arbeitete Lili Peller in der Erziehungsberatung und später als Analytikerin. 20) Auch ihre Lehrtätigkeit nahm sie in den USA wieder auf. Sie unterrichtete am Philadelphia Psychoanalytic Institute und im Department of Child Psychiatry, am Albert Einstein College of Medicine, Bronx, New York.

Ihre Publikationen geben Aufschluss über ihre Forschungsschwerpunkte, wie etwa „Tagträume und Kinderliteratur“ oder „Psychoanalyse und ihre Beziehung zur Adoption“. 21)Vor allem in den letzten Jahren ihres Lebens wandte sie sich erneut ihrem alten Interesse an kindlicher Sprachentwicklung zu. An dieser Thematik hatte sie bereits in den frühen zwanziger Jahren in Wien gearbeitet. 22)

Lili Pellers größte wissenschaftlicher Leistung lag nach Meinung ihrer Kollegen im Bau einer „Brücke zwischen Psychoanalyse und Pädagogik“. 23) Paul Federn sah in Lili Peller den lebenden Beweis, welche großen Beiträge Nicht-Mediziner zur Entwicklung der Psychoanalyse leisten können.

It seems important that I stress the fact that her contributions were not restricted to offering psychoanalytic understanding of and to educators, but also went in the other direction and helped psychoanalysts learn much about education. 24)

Die große Pädagogin und Analytikerin Lili Peller-Roubiczek starb am 30. August 1966 in ihrem neunundsechzigsten Lebensjahr an einem Herzschlag.

Die abschließenden Worte sollen einem der ersten Schüler der Montessori-Schule in der Troststraße gehören. Sie lassen einerseits die großen pädagogischen Fähigkeiten von Lili Peller-Roubiczek erkennen, und geben andererseits Aufschluss über die Ziele, die sie mit ihrer Arbeit verfolgte:

But I also think that you all laid the foundation in me, as in the other children, for our attitude towards life. You educated us with the hope that we would grow up to be honest people, who could grasp the spirit of internationalism, understand democracy, and carry the banner and propagate the responsibility for others and for an ideal socialism. I think you really gave us that. 25)

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Anmerkungen:
1) Dokumentationsgespräch mit Emma Plank, S. 67
2) Als Quelle ihrer biographischen Daten diente mir das unveröffentlichte Skript einer Rede von Emma Nuschi Plank zur
Gedenkfeier für Lili E. Peller am 17. 12.1966, im Waldorf Astoria, New York
3) ebenda, S. 1
4) Emma Plank: Lili E. Peller. Memorial, New York, Dec. 17, 1966, S. 2
5) Berger Manfred: Leben und Wirken der Clara Grunwald – Nestorin der Montessori-Pädagogik in Deutschland. In: Clara Grunwald. Das Kind ist der Mittelpunkt. Hrsg. von Axel Holz, Ulm 1995, S. 60
6) Kramer, S. 343
7) Dokumentationsgespräch mit Emma Plank, S. 63
8) Dokumentationsgespräch mit Emma Plank, S. 63
9) Dokumentationsgespräch mit Emma Plank, S. 75
10) Ekstein Rudolf: Lili E. Peller. Memorial, Walldorf Astoria, New York, Dec. 17, 1966, S. 23
11) ebenda, S. 24
12) Emma Plank: Lili E. Peller. Memorial, S. 7
13) Emma Plank, zitiert nach Hammerer, S. 194
14) Charlotte Zwiauer: Emma N. (Spira-) Plank (1905-1990): Psychoanalytisch orientierte Montessori-Pädagogik in Wien von 1922-1938 und deren Tradierung in der Emigration. In: Das Kind ist entdeckt, S. 157
15) Kramer, S. 380
16) Hammerer, S. 196
17) ebenda, S.186
18) Das Kind ist entdeckt, S. 116
19) Dokumentationsgespräch mit Emma Plank, S. 64
20) Emma Plank: Lili E. Peller. Memorial, S. 12
21) ebenda, S. 14
22) Victor H. Rosen: Lili E. Peller. Memorial, Walldorf Astoria, New York, Dec. 17, 1966, S. 16
23) Ekstein Rudolf: Lili E. Peller. Memorial, S. 24
24) ebenda, S. 23

© Montessori-Zentrum, Wien 2004