veröffentlicht in: Kosmische Erzählungen, Ela Eckert und Malve Fehrer, 3. überarbeitete Auflage 2015
erhältlich über:  https://montessori.at/produkt/kosmische-erzaehlungen-in-der-montessori-paedagogik/
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Ein Paradigmenwechsel in Schule, Gesellschaft und Welt. Und streng genommen auch in der Montessori-Welt

von Christiane Salvenmoser

1.      Vorbemerkungen

„Diese Art des erzieherischen Umgangs mit Kindern unterscheidet sich von den sonst in Schulen gebräuchlichen. Die Grundidee ist, wie oben erwähnt, die, die Imagination des Kindes zu wecken und ihm eine Vision von der Ordnung der Dinge zu vermitteln. …….. Um das Interesse der Kinder zu wecken, muss ihnen  zunächst die Wechselbeziehung der Dinge dieser Welt deutlich gemacht werden – die verschiedenen Aspekte von Erkenntnis, die untersucht werden können, die Art und Weise, wie sie zueinander in Beziehung stehen oder zustande kommen.“ (Mario Montessori jr., Erziehung zum Menschen, S.138f.)

Wenn ich Mario Montessori jr. richtig verstehe, dann lässt sich behaupten: Eine Montessori-Lehrerin für 6- bis 12-jährige Kinder ist immer eine kosmische Lehrerin. Darauf möchte ich meinen Artikel gerne beziehen. Im Untertitel dieses Textes stehen „Schule – Gesellschaft – Welt“ in einer gedanklichen Reihe. Vielleicht klingt es in manchen Ohren eigenartig, die Welt von Seiten der Pädagogik her verändern zu wollen. Ich habe diese Reihenfolge jedoch ganz bewusst gewählt. Natürlich ist Schule Teil der Gesellschaft, doch kann hier Veränderung immer anders gedacht und verwirklicht werden, weil sie, obwohl sie auch Spiegel der Gesellschaft ist, auch immer einen geschützten Rahmen innerhalb dieser darstellt.

Ein zweiter Grund für diese Reihenfolge besteht für mich darin, dass viele Erfahrungen sozialen Zusammenlebens in der Schule und im Kindergarten erlebt und eingeübt werden. Natürlich spielt bei der Entwicklung von Sicherheit und Selbstbewusstsein auch das Elternhaus und die wirtschaftliche Situation eine Rolle. In meiner Tätigkeit als Montessori-Dozentin, Trainerin und Coach erlebe ich jedoch tagtäglich bei Erwachsenen, wie prägend die Erlebnisse aus der Kindergarten- und Schulzeit bis in das weit fortgeschrittene Alter sind. Und der dritte Grund für diese Reihung ist Maria Montessori selber. Ich denke, dass sie ihrem Buch „Durch das Kind zu einer neuen Welt“ den Titel nicht per Zufall gegeben hat. Und hier sind wir nun schon mitten in der Kosmischen Theorie …

Da es zu dieser in der Zwischenzeit auch einige Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum gibt, möchte ich in diesem Artikel nur insoweit darauf eingehen, wie es mit der konkreten Fragestellung zu tun hat.

 2.      Kosmisch denken – wie geht denn das?

Wenn Mario Montessori in dem eingangs geschriebenen Zitat die Montessori-Pädagogin als kosmische Pädagogin postuliert, stellt sich die Frage, wie Menschen, die noch nicht das Glück hatten mit Montessori-Pädagogik aufzuwachsen, ihre kosmische Basis entwickeln können. In diesem Kapitel geht es also um den Erwachsenen, dessen Haltung und Einstellung und um die Frage, wie das „Kosmische“ in uns entwickelt werden kann oder wie wir es neu in unserem Leben installieren.

 Kosmisch zu denken bedeutet, dass wir eine Ordnung hinter allem wahrnehmen können. Wie diese Ordnung im Einzelnen aussieht, hängt natürlich auch von der jeweiligen Weltanschauung der Pädagogin ab. Montessori-Pädagogik ist in meinen Augen transkonfessionell und transnational – sie sprengt aus ihrem Wesen heraus solche Grenzen. Was ich damit meine ist, dass Montessori-Pädagogik in verschiedenen Gegenden der Erde, mit verschiedenen Konfessionen, über alle Grenzen hinweg gelebt werden kann. Montessori-PädagogInnen orientieren sich am Kind und seiner Entwicklung, gleichgültig in welcher Gegend der Welt sie sich  befinden, gleichgültig welche Religion sie haben oder aus welchem religiösen Hintergrund unsere Kinder stammen. Das Wesensmerkmal in all diesen Fragen ist der Respekt vor jedem Menschen als Person, der Respekt vor seiner persönlichen Geschichte, der Respekt vor seinem Glauben.

Maria Montessori war Zeit ihres Lebens mit der Frage beschäftigt wie wir der wahren Natur des Menschen, der wahren Natur des Kindes dienen können. Denn nur dadurch sah sie eine Chance, die Welt zu einem besseren Ort, an dem Menschen in Frieden zusammen leben können, werden zu lassen.

Kosmisch zu denken bedeutet auch, dass wir von der Tatsache ausgehen, dass alles miteinander verbunden ist. Heutzutage wird häufig gefordert, dass Kinder und Jugendliche wieder vernetzt denken können sollten. Hintergrund dieser Forderung ist die Wahrnehmung, dass unsere Welt immer komplexer und ineinander verwoben erscheint. Das berühmte Beispiel, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings im fernen Urwald in Asien direkte Auswirkungen auf uns und unser Leben haben kann, soll dieses Gefühl unterstreichen.

Montessoris Idee, dass alles miteinander im Zusammenhang steht ist aber wesentlich weiter gefasst und gedacht als „vernetztes Denken“ normaler Weise meint. Maria Montessori betont, dass jedem Ding, jedem Stein, jedem Tropfen, jeder Blüte, bis hin zum einzelnen Atom einfach allem eine kosmische Aufgabe obliegt. Die „Geschichte“ vom Wasser (in Maria Montessori, Von der Kindheit zur Jugend) macht dies auf besondere Art und Weise deutlich: In diesem Ansatz steckt die Hochachtung vor jeder kosmischen Aufgabe, und daraus lässt sich ein weiterer Grundgedanke der Montessori-Pädagogik ableiten. Die Achtsamkeit gegenüber der jeweiligen Bestimmung: Zu etwas bestimmt sein, das gilt für Steine, Pflanzen, Tiere und erst Recht für den Menschen. Nicht fatalistisch gedacht, sondern zutiefst positiv.

Gerade hier schließt sich für mich ein ganz wichtiger Kreis. Montessori fordert immer wieder, dass dem Kind in seiner Entwicklung das gegeben werde, was es für diese benötigt. Das ist der kosmische Grundgedanke ihrer gesamten Pädagogik. Gebt dem Kind das seiner Entwicklung Entsprechende, damit es zu einem Menschen heranwachsen kann, der sich in der kosmischen Ordnung eingebettet fühlt, die es selber im Heranwachsen erfahren durfte.

Ein weiterer Wesenszug des „Kosmisch-Denkens“ ist, dass wir nicht nur die Aufgaben der einzelnen Bausteine des Universums mit Achtsamkeit und Anerkennung ihrer Leistung betrachten, sondern dass wir auch mit dem Gefühl der Dankbarkeit darauf schauen können, da ja auch wir Menschen vom Ineinander-Greifen aller Komponenten des Kosmos „profitieren“. Dieses Gefühl der Dankbarkeit spüren und vermitteln wir zum Beispiel in der Großen Erzählung der Kommunikation in Zeichen, wenn wir am Ende der Erzählung uns bei allen, die zur Entwicklung der Schrift beigetragen haben, ausdrücklich bedanken. Die Dankbarkeit schwingt aber auch in der Geschichte von der Blattfabrik mit, wenn wir danach dankbar auf die Leistung jedes einzelnen Blattes schauen können. Und auch bei den Aufgaben des Wassers – schürfen, mit sich tragen und ablagern – schwingt der Dank mit, dass das Wasser unsere Erde gestaltet. Dies sind nur einige kleine Beispiele, die unsere Haltung dem Universum gegenüber illustrieren.

Und damit sind wir beim „letzten Punkt“. Kosmisch denken bedeutet weiters, dass wir dem Menschen eine besondere Stellung innerhalb der Ordnung einräumen. Maria Montessori spricht davon, dass die Aufgabe des Menschen darin besteht die Schöpfung zu vollenden. Dies, weil der Mensch als einziger den Plan der Schöpfung erkennen und sich seiner Verantwortung in ihr bewusst werden kann. Einzig der Mensch hat also die Chance Neues zu bewirken, er steht in dem Spannungsfeld zwischen Freiheit und Bindung und kann sein Wissen im Interesse oder gegen das Interesse der Welt verwenden.

Wenn also „eine Ordnung hinter allem wahrnehmen“, „Achtsamkeit gegenüber der kosmischen Aufgabe entwickeln“, „Dankbarkeit“  und „die Vollendung der Schöpfung durch den Menschen“ die Wesensmerkmale einer montessorischen, ist gleich kosmischen Haltung ist, kann es natürlich sein, dass auch Menschen, die noch nie von Montessori gehört haben, genau in ihrem Sinne denken und handeln. Gerade darin liegt für mich dann auch eine Bestätigung der Montessori-Pädagogik als Lebenshaltung.

Und darin steckt – finde ich –  auch eine große Portion Hoffnung. Kosmisch zu denken kann man entwickeln, auch wenn man unter anderen Bedingungen aufgewachsen ist. Kosmisch denken kann man vielleicht auch lernen, wobei ich glaube, dass einüben der bessere Begriff dafür ist, gleichgültig, wie alt eine/r ist. Es ist also eine bewusste Entscheidung, die Welt so wahrzunehmen. Wenn man will, ist es auch eine philosophische Leistung und damit abgegrenzt gegen ein „esoterisches“ Gefühl. Und genau aus diesem Grund stellt sich dann die Frage, was es heißen kann, kosmisch zu handeln um die Verantwortung gegenüber der Schöpfung auch zu übernehmen.

Immer wieder wird Montessori-PädagogInnen entgegengehalten, dass die Welt in Wirklichkeit schließlich ganz anders sei und nach anderen Spielregeln funktioniere. Da schwingt manchmal auch der Vorwurf der Weltfremdheit mit oder die Idee, dass wir unsere Kinder unter einer Käseglocke aufwachsen ließen.

Dem möchte ich entschieden widersprechen: Kosmisch zu denken ist weder blauäugig noch hat es mit dem Tragen von rosaroten Brillen zu tun. Wir alle wissen um die Mechanismen der Welt, wir wissen aber auch, dass Veränderung im Kleinen ebenso wie im Großen geschehen muss und dass auch dieser Weg mit einem ersten Schritt beginnt. Die Welt im Sinne Maria Montessoris und anderer, die so dachten und denken, zu verändern, heißt das Neue zu versuchen ohne das Alte zu leugnen und heißt auch, das was am Alten gut gewesen ist, zu bewahren und zu erweitern.

So gesehen stehen Montessori-PädagogInnen in der Tradition vieler, die an Utopien glauben und es gilt das (noch) Ortlose zu orten und ihm einen Platz einzuräumen. „Wenn eine/r es träumt, dann bleibt es ein Traum, wenn viele es träumen, dann beginnt die Wirklichkeit“ heißt es in einem Zitat, dessen Autor ich leider nicht kenne.

3.      Kosmisch lehren – wie und was?

Vorbemerkung

Die vorher herausgearbeiteten Wesensmerkmale zeigen eigentlich schon klar, dass diese Art zu denken dem Menschen nicht angeboren ist, sondern dass wir gewisse Voraussetzungen brauchen um diese Haltung erwerben zu können. Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen besteht darin, dass Kinder, wenn sie ihrer Bestimmung gemäß aufwachsen dürfen, ein ungeahntes Potential entfalten können, wohingegen wir Erwachsenen uns in einer bewussten Willensentscheidung dorthin wenden und noch Teile unseres Potentials entfalten können. Genau darin sieht Montessori ja die Hoffnung für die Menschheit: Kinder die in echter Freiheit und Bindung aufgewachsen sind, werden die Gesellschaft verändern können. In diesem Sinn zumindest verstehe ich auch Montessoris Grabinschrift.

Was also brauchen Kinder um sich im Sinne des kosmischen gut entfalten zu können. Allem voran brauchen Kinder Ordnung (mehr dazu weiter unten). Ordnung und Struktur ermöglichen dem Kind sich in Raum, Zeit und Sozialem zu orientieren. Wenn Kinder sich in ihrer Welt gut orientieren können, bekommen sie Halt und Sicherheit und können somit Selbst-Sicherheit aufbauen. In dieser Gedanken-Kette steckt die ganze Bedeutung die wir Montessori-PädagogInnen der Ordnung beimessen.

Wie lehrt man kosmisch

Beim Blick in Montessori-Schulen kann eine leicht das Gefühl beschleichen, kosmisch zu lehren bedeute, eine Fülle an Zeitleisten, Bändern, Modellen, Bildtafeln erzeugen oder kaufen zu müssen und dann wäre die kosmische Erziehung sozusagen am Laufen. Hier ein paar Experimente, dort die Zeitleiste von der Entstehung des Lebens und – wenn es das Budget – erlaubt auch noch alle Bildtafeln und die selbsterstellte Bücherei der Definitionsmaterialen. Ich liebe diese und die vielen anderen Materialien von Herzen, ich freue mich immer wieder über neue Möglichkeiten, umfassende Themen aufbereiten zu können, und ich liebe Gespräche mit KollegInnen über all das. Und doch: Wir können in einer perfekt eingerichteten Montessori-Klasse einen nicht kosmischen – und ich behaupte damit eben auch nicht montessorischen -Unterricht erleben. Was also macht den Unterschied?

Der Begriff Kosmos kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Ordnung“, „Welt“, „Weltall“ „Weltordnung“. Dass die Montessori-Pädagogik viel mit Ordnung zu tun hat, ist in der Zwischenzeit auch bei Menschen, die diese Art zu leben nicht so gut kennen, angekommen. Die Vorwürfe, dass Montessori-Kinder doch nur machen, was sie wollen, werden seltener, auch wenn sie wahrscheinlich nie ganz verstummen werden.

Montessori-PädagogInnen verbinden mit dem Begriff Ordnung meist einerseits einen Anspruch an die Vorbereitete Umgebung und andererseits die Sensible Phase für Ordnung, mit der Tatsache, dass Kinder ihre inneren Ordnungen über die äußere Ordnung aufbauen und das strukturierte Sinnesmaterial dabei eine wichtige Rolle leistet. Das alles ist selbstverständlich richtig und wichtig.

Doch ist das alles? Was ist denn in den weiteren Entwicklungsetappen? Was transformiert sich und was hat das alles mit Kosmischer Erziehung zu tun? Das möchte ich in den folgenden Abschnitten gerne herausarbeiten.

Welche Rolle spielt also die Ordnung im menschlichen Leben?

Die erste Entwicklungsetappe des menschlichen Lebens möchte ich mit dem Motto „In die Ordnung finden“ näher umschreiben. In dieser labilen und gleichzeitig schöpferisch kreativen Zeit legt das Kind die Basis für seine Intelligenz und seine Persönlichkeit. Es kommt mit einem riesigen Potential auf die Welt und bedarf einer gut vorbereiteten Umgebung, um die Ordnungen in vielerlei Hinsicht in sich aufzunehmen.

Mit Hilfe seiner Sensorik und Motorik entwickelt das Kind ein Gefühl von oben und unten, von vorne und hinten, von links und von rechts. Je älter es wird, desto klarer erkennt es räumliche Ordnungen und lernt sich in diesen zu bewegen. Ähnliches geschieht in zeitlicher Hinsicht. Aus dem Absorbieren verschiedenster Rhythmen (Tag/Nacht, Tagesabläufe etc) entwickelt es die Fähigkeit Zeit wahrzunehmen und stellt uns Fragen à la „Wie oft muss ich noch schlafen bis…“

Der dritte Bereich, wo das Kind aus der äußeren Ordnung seine eigene innere aufbaut, ist der soziale. Es erlebt und erfährt, wie Menschen einander grüßen, was man macht, wenn man etwas geschenkt bekommt, dass man sich die Hände wäscht bevor man sich zu Tisch setzt und noch ganz vieles mehr.

Für die zweite Entwicklungsetappe wähle ich als Motto „Sich als Teil der Ordnung erfahren“. Für Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren steht nicht mehr die äußere Ordnung im Vordergrund. Ganz im Gegenteil, für äußere Ordnungen brauchen sie mehr Begleitung als die Kinderhaus-Kinder. Es ist ein Charakteristikum des Schulkindes, sich für die Geistige Ordnung begeistern zu können. Das ist das Alter der Fragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Warum und Wieso? Es ist die Zeit der Großen – geistigen – Arbeit.

Da in diesem Alter ja auch der Übergang des kindlichen Geistes zur Abstraktion stattfindet, kann sich das Schulkind mit Hilfe der „feurigen Imagination“ in die verschiedensten Zeiten und Gegenden versetzen. Im Kennenlernen der Geschichte ebenso wie im Erleben des Laufs der Planeten wird es von der Frage bewegt, wo es denn selber seinen Platz habe und wo der Mensch denn seine Aufgaben finde. Die großen Geschichten der Kosmischen Erziehung bedienen dieses Bedürfnis. Schreiben, lesen, rechnen  – der Erwerb der Kulturtechniken lässt sich mit einem kosmischen Hintergrund ganz anders verstehen. Es ist eine natürliche Frage, sich zu überlegen, wie wohl die Menschheit zu schreiben begonnen haben mag, wenn ich als Kind gerade diesen Prozess an mir erlebe.

Die Parallelen von Phylogenese und Ontogenese sind gerade hierbei eindrucksvoll zu beobachten.

Wenn sich Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren also als Teil der großen Ordnung erfahren wollen und für eine gesunde Entwicklung auch müssen, wird klar, weshalb ein weiteres Charakteristikum dieser Altersgrupp heißt,  sich auch die Fragen von „Gut und Böse“, „Richtig und Falsch“ zu stellen. Was hält die Gesellschaft zusammen, was sind die Regeln nach denen sie lebt, was darf man daher und was ist nicht in Ordnung? Dr. Montessori spricht von der Zeit der moralischen Entwicklung, in der das Kind zu einem Mitglied der Gesellschaft heranwächst. Es ist loyal, getrieben von den Fragen der Gerechtigkeit Fairness und es zeigt großes Interesse an besonderen Menschen, an echten Vorbildern.

Aus all diesen Gründen wird einsichtig, weshalb die Kosmische Erziehung in dieser Altersstufe Prinzip sein muss. Hierin erfährt das Kind genau jene Zusammenhänge, die ihm Sicherheit und Geborgenheit vermitteln und gleichzeitig seinen großen Hunger nach Wissen und Erkenntnis des Ganzen stillen. Wenn Montessori davon spricht, dass in diesem Alter der „Keim für die Wissenschaft“ gelegt wird, so deckt sich das mit der Erfahrung unzähliger Montessori-PädagogInnen, die ihre SchülerInnen als wissenschaftlich, philosophisch und theologisch interessiert erleben. 

Auch in der dritten Entwicklungsetappe spielt die Ordnung eine Rolle. Einerseits in dem Motto „Die Ordnung hinterfragen – die Gesellschaft verändern“ und andererseits in der Tatsache, dass gerade Jugendliche eine große Sensibilität für Schutz und Geborgenheit mitbringen. Wer die Grenzen überschreiten will und für sein Wachstum auch muss, bedarf des Netzes um hineinfallen zu können.

Jugendliche suchen daher Geborgenheit und Sicherheit in ihren Gruppen und benötigen liebevolle Klarheit von Eltern und LehrerInnen um sich orientieren zu können und zu probieren, was geschieht, wenn man anders ist als die Generationen zuvor.

Das Jugendalter ist geprägt von Fragen zu gesellschaftlichen Normen und Einstellungen, von der Idee, das was bisher gegolten hat mit den eigenen Ideen zu verändern und zu verbessern. Jugendliche wollen Verantwortung übernehmen und Pädagoginnen und Pädagogen täten gut daran, ihnen diese auch zu geben.

Montessoris Konzept des Erdkinderplans baut ganz klar auf der Kosmischen Erziehung auf. Die Kinder, die sich als Teil des Universums, des Kosmos erlebt haben, werden Jugendliche, die bereit sind, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.

Wenn die Entwicklungsetappen gut aufeinander aufbauen konnten, dann erleben wir junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren die mit Freude und Engagement „Die Ordnung gestalten“.

Was lehrt man kosmisch

Im vorangegangenen Kapitel habe ich den Fokus auf die Haltung einer kosmischen Pädagogin, eines kosmischen Pädagogen gerichtet. In diesem Kapitel möchte ich mich vor allem mit den Inhalten auseinander setzen ohne genaue Materialbeschreibungen zu geben. Dazu braucht es eine lange und intensive Ausbildung, in der alle Darbietungen mit den didaktischen Materialien gemeinsam mit der kosmischen Haltung gelehrt und vermittelt werden.

Wenn es in der kosmischen Erziehung um das Erlebbarmachen von Ordnungen, von großen Zusammenhängen geht, dann muss auch klar sein, dass das immer unter dem Gesichtspunkt des Exemplarischen stattfinden wird. Es geht also nicht darum, den Lehrplan so zu durchforsten, dass die naturwissenschaftlichen Themen durch einzelne Material-Schachteln oder „kosmische Projekte“ abgedeckt werden. Montessori-Pädagogik orientiert sich am Kind und nicht am Lehrplan. Selbstverständlich ist es legitim, das, was die Kinder sich erarbeitet haben, dann so zu beschreiben, dass es auch den Kriterien des Lehrplans gerecht wird. Doch ein Curriculum ist immer nur etwas für den Kopf der Pädagoginnen und Pädagogen. Für die Kinder gibt es keinen Lehrplan, keine Schulbücher, keine Tests und keine Hausaufgaben.

„Nachdem es sich als notwendig gezeigt hat, dem Kind so viel zu geben, sollten wir beginnen ihm eine Vision des ganzen Universums zu vermitteln. Das Universum ist eine beeindruckende und achtungsgebietende Realität und es enthält die Antwort zu allen erdenklichen Fragen.“ (frei übersetzt aus Maria Montessori, To educate the Human Potential, Seite 5).

Eine Montessori-PädagogIn webt ein Geflecht an Geschichten und Darbietungen, die den Kosmos abbilden, sodass sich die verschiedenen Themen, für die die Kinder sich interessieren, in dieses Gewebe einflechten lassen. Wie macht man das? Man beginnt jedes Jahr am ersten oder zweiten Schultag mit der Großen Erzählung von der Entstehung des Universums, die auch den Titel „Gott hat keine Hände“ trägt. Einige Tage danach folgen die „Erzählung von der Entstehung des Lebens“ und die „Vom Kommen des Menschen“. Komplettiert wird dieser Zyklus von den beiden Erzählungen zur „Kommunikation in Zeichen“ und „Die Geschichte der Zahlen und des Zählens“. Neben diesen Großen Erzählungen von Maria und Mario Montessori erzählt die PädagogIn noch weitere Geschichten. Größere als Einstieg in einen Bereich und viele, viele kleinere zu den unterschiedlichsten Themen und Bereichen.

Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass die Montessori-Lehrerin eine Geschichten-Erzählerin ist, die sich allerdings auch der Tatsache bewusst ist, dass die Geschichten „Schlüssel zum Universum“ sein müssen.

Ganz anders als im Montessori-Kinderhaus kommt dem didaktischen Material eine andere Aufgabe zu. Für die Montessori-Kinder in der Schule haben die Materialien den Charakter und den Stellenwert eines Werkzeugs. Die Darbietungen orientieren sich nicht am Material sondern an der Fragestellung, und man kann die Materialien in immer neuer Art und Weise kombinieren. Ein Beispiel: Im Kinderhaus gibt es genau 7 Darbietungen mit dem großen Rechenrahmen, die den Kindern in einem exakten didaktischen Aufbau vorgestellt werden. In der Montessori-Schule gibt es ebenfalls einige Darbietungen mit dem großen Rechenrahmen, aber zusätzlich nimmt man ihn für alle Fragestellungen heraus, wo man mit mehrstelligen Zahlen arbeiten kann, bis hin zu Rechenoperationen in anderen Zahlensystemen.

Da der Aspekt Geographie den Boden der Kosmischen Erziehung darstellt, geben wir den Kindern eine Fülle an Erfahrungen, wie die Natur der Dinge funktioniert. Mit dem Aspekt Geschichte sprechen wir auch vom Rückgrat der Kosmischen Erziehung und geben in allem immer auch eine historische Einbettung und wenn die Biologie das Herz der Kosmischen Erziehung darstellt, dann schauen wir auf die verschiedenen Lebensprozesse und auf die Gesetze des Lebens, damit die Kinder die Liebe zu allen anderen Lebewesen entwickeln können.

Das heißt also auch, dass wir mit vielen Experimenten, Zeitleisten und vor allem Bildtafeln arbeiten, die jeweils einen Schlüssel für das Verständnis vermitteln können. Es ist allerdings essentiell, all diese Materialien ihrer eigentlichen Bestimmung als Entwicklungsmaterial entsprechend zu behandeln. Die Montessori-Materialen sind keine Lehrmittel – wir lehren nicht mit Material. Das Material ist Schlüssel und Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit der Kinder. Denn der Mensch im Alter von 6 bis 12 Jahren verfügt über einen ergründenden, erforschenden Geist, der sich nur  in Freiheit und von seinem inneren Interesse geleitet, entfalten kann.

Wenn man aber in manchen Montessori-Klassen Regale voller „Themenschachteln“ (eine zum Hund, eine zur Katze, eine zum Schaf, eine zu den Sagen des Landes und noch eine zu den Flüssen und Bergen…..) sieht, dann verlieren wir den Blick auf diesen großen forschenden Geist und gehen am kosmischen Auftrag vorbei. Und statt der großen Geschichten zur Entstehung der Erde, des Lebens, der Kultur gibt es „G’schichterln“ über reisende Wassertröpfchen, die vielleicht sogar einen Namen haben, über personifizierte Tiere oder singuläre Früchte. Worin sollen sich Kinder denn dabei finden?

Wenn ich den Slogan „SchülerInnen das vernetzte Denken lehren zu müssen“ höre, beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass wir Kindern und Jugendlichen etwas beibringen sollen, was sie ursprünglich einmal besessen hatten und was ihnen in vielen Jahren gezielt abgewöhnt worden ist. Wer einmal in einem Kreis mit Kindern gesessen ist und erlebt hat, wie einfach und mühelos Kinder assoziieren und von einem Thema ins andere fallen können, wird überzeugt sein, dass vernetztes Denken von Natur aus angelegt ist und dass es nur darum gehen kann, es ihnen nicht abzugewöhnen.

Und noch eine Gefahr, die es zu vermeiden gilt: Kindern die wunderbare Komplexität der Welt zu vermitteln, ihnen zu zeigen was alles wie zusammenhängt heißt nicht, ihnen Verantwortungen aufzubürden, die sie noch nicht tragen können. Während ich an diesem Artikel schreibe, fällt mein Blick zufällig auf eine aufgeschlagene Zeitung. In dieser finde ich einen Beitrag zu den Gefahren des Rauchens und was die Gesellschaft alles tun könnte und müsste um gesünder zu leben. Und mitten unter den verschiedenen Statements finde ich die Aussage eines Mediziners, der es ungemein begrüßt, dass auf Zigarettenschachteln jetzt Warnhinweise und wenn es nach ihm ginge bald auch Abbildungen von Raucherbeinen und Krebsgeschwüren zu sehen gibt. Seine Begründung ging dahin, dass die Kinder, die dies lesen und sehen, würden dann ihren Eltern ein schlechtes Gewissen machen und das fand er gut und begrüßenswert. Was es allerdings mit den Gefühlen der Kinder macht, die hier plötzlich Verantwortung für die Gesundheit ihrer Eltern bekommen, das hat er nicht erwähnt.

Ähnliches gilt dann auch für Themen wie Atomstrom, Gewalt in der Familie, Umweltverschmutzung durch Verkehr und Industrie u.v.m. Dies alles sind Probleme, die wir mit Jugendlichen andenken können, im Alter von 6 bis 12 sollte der Aspekt von Ordnung und Sicherheit unbedingt vorherrschen. Kosmos heißt Ordnung!

Wie sollte also eine kosmische Umgebung beschaffen sein? Ich denke, es bedarf in erster Linie der kosmisch denkenden PädagogIn, die ihre Vorbereitete Umgebung an den Bedürfnissen der Kinder ausrichtet, die die Materialien gestaltet, die den Kindern den Blick auf das Ganze ermöglichen. Natürlich gehören dazu alle Materialien, die schon Maria und Mario Montessori entwickelt haben. Diese haben sich in vielen Jahren wahrlich bewährt. Kosmische Erziehung muss aber auch heißen, dass die Kinder viele Erfahrungen in der Welt sammeln können, die dann wieder Auswirkungen auf das Leben in der Schule haben müssen. Mario Montessori ist mit den Kindern in Kodaikanal in den Dschungel gegangen, bevor er ihnen Modelle und Karten angeboten hat. „Das Fenster zur Welt“ ist gerade im Grundschulalter weit zu öffnen und heißt dort dann auch „going out“. Das sind kleinere und größere Exkursionen von Kindern zu Menschen und an Orte, die zu dem Thema passen, an dem sie gerade forschend tätig sind. Schulkinder brauchen eine erweiterte Vorbereitete Umgebung, damit sie ihrer Natur entsprechend mit anderen Menschen draußen in der Welt in Kontakt treten können. Wenn Montessori-Kinder in ihrer Schulzeit nie die Klassenzimmer verlassen (wohlgemerkt in kleinen Gruppen und nicht als Schulausflug), dann werden wir der Natur der Altersgruppe nicht gerecht.

4.      Kosmisch handeln – was ist zu tun?

Wir leben in einer Zeit des immer rascheren Wandels, in einer Zeit, in der heute plötzlich etwas möglich und denkbar ist, was gestern noch völlig im Bereich des Undenkbaren gelegen ist. Immer mehr wird machbar, von dem wir nicht ahnen, welche Folgen es für den Einzelnen ebenso wie vielleicht für die gesamte Menschheit hat. Wir leben also in einer Zeit, in der der Ethik eine besondere Rolle zukommen müsste.

Was mich in diesem Zusammenhang manchmal wundert, häufiger aber auch betroffen macht ist, dass zu den brennenden gesellschaftlichen Fragen von Seiten der Montessori-Pädagogik einfach nicht Stellung genommen wird. Einzelne Artikel sind auch hier nur die bestätigende Ausnahme. Unsere montessorische – sprich kosmische – Sicht auf die Welt muss doch, wenn wir Montessoris Anspruch von der „Erziehung für eine neue Welt“ ernst nehmen, auch politisch gedacht werden.

Auf Montessori-Kongressen, -Tagungen –Symposien können wir uns lange unterhalten, welche Materialien besser und schlechter dazu geeignet sind eine bestimmte Epoche darzustellen. Wir verbringen viel Zeit damit, uns in internen Zirkeln mit der genauen Bedeutung von Freiheit und Bindung zu beschäftigen und wir können auch lange über die Vorteile verschiedener Ausbildungsformen parlieren. Versteht mich nicht falsch, auch mir ist das alles wichtig und ich beteilige mich mit Freude an diversen Fachgesprächen mit KollegInnen aus der ganzen Welt.

UND trotzdem wünsche ich mir, dass wir anfangen über die Tellerränder unserer Einrichtungen hinauszuschauen und Stellung zu beziehen zu den Themen der heutigen Zeit. Wo sind die Artikel von uns Montessori-PädagogInnen zur Gentechnik, wo beziehen wir Stellung, wenn es um die Arbeit von Kindern geht? Ein Detail am Rande: zur Zeit gibt es via Internet Montessori-Material zu kaufen, das im fernen Osten produziert wird und daher wesentlich kostengünstiger ist als das, was in unseren Ländern erzeugt wird. Bis jetzt habe ich die Frage noch nicht gehört – und sie auch noch nicht selber nachhaltig gestellt – unter welchen Bedingungen und von wem dieses Material produziert wird.

Wieso haben wir Montessori-PädagogInnen keine VertreterInnen bei Kongressen, die sich mit anderen, alternativen Wirtschaftsformen befassen. Wo sind wir, wenn es um politische Themen geht. Ich wünsche mir eine VertreterIn, die im Namen der Kinder und Jugendlichen deren Rechte im europäischen Kontext einfordert. Gerade hier hätten wir soviel zu sagen, gerade in diesem Bereich wissen wir wahrscheinlich mehr als viele andere ExpertInnen und könnten so einiges zu Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

Für diese allumfassende Sicht der Montessori-Pädagogik gibt es eine wunderbare Unterstützung durch Maria Montessoris Enkelin Renilde (gestorben September 2013), die mit den Educateurs sans Frontiers genau diesen Blick über den Tellerrand eingefordert und auch umgesetzt hat.

Als eines der Wesensmerkmale des kosmisch denkenden Menschen haben wir herausgearbeitet, dass es Aufgabe des Menschen ist, die Schöpfung zu vollenden. Dies inkludiert, dass Montessori-PädagogInnen sich für den Erhalt der Umwelt einsetzen müssen. – Montessori-Pädagogik ist Umwelterziehung.

Weiters inkludiert diese Aufgabe darauf zu achten, dass der Frieden im Kleinen wie im Großen gemehrt werde. Montessori-Pädagogik ist Friedenserziehung. Und diese beginnt beim Einhalten der Regeln der Gruppe, beim Respektieren des anderen in seiner Andersartigkeit, beim Darauf-Achten, dass der Umgang miteinander von Achtsamkeit und Toleranz geprägt ist, und endet bei den Themen des Weltfriedens.

5.      Schlussbemerkung

Montessori-Pädagogik ist mehr, als lieb und nett mit hübschen Materialien mit Kindern zu rechnen, zu schreiben, zu lesen und auch mehr, als mit ihnen die Sterne zu beobachten, Steine zu klassifizieren und spannende Experimente anzubieten. Montessori-Pädagogik muss auch heißen, dass wir als politische Kraft beginnen aktiv zu werden. Nicht indem wir die Kinder/Jugendlichen dazu missbrauchen indem wir ihnen die Verantwortung für die Welt aufbürden, sondern indem wir klar unsere Positionen beziehen. Dann erst wird die kosmische Erziehung wirklich ihre Wirkung entfalten können, wenn sie authentisch von kosmisch denkenden Menschen vermittelt wird. Und dann wird die Welt – davon bin ich mit Maria Montessori überzeugt – zu einem ein wenigen besseren Ort werden

Literaturliste

  • Haspel, Saskia: Kosmische Erziehung gestern – heute – morgen
    in: DAS KIND, Wiesbaden 2004
  • Holtstiege Hildegard: Modell Montessori, Herder Freiburg
  • Holtz, Axel: Grundlagen der Kosmischen Erziehung, Ulm 1998
  • Holtz, Axel: Ethik der Montessori-Pädagogik. Studien zur Kosmischen Erziehung, Ulm 2003
  • E. M. Standing, Maria Montessori, Leben und Werk, Stuttgart o.J.
  • Montessori, Maria: Kosmische Erziehung; Hrsg. von Paul Oswald und Günther Schulz-Benesch, Herder Freiburg 1988
  • Montessori, Maria: Die  Macht der Schwachen; Hrsg. von Paul Oswald und Günther Schulz-Benesch, Herder Freiburg 1998
  • Montessori, Maria: Dem Leben helfen; Hrsg. von Günther Schulz-Benesch, Herder Freiburg 1992
  • Montessori, Maria: Durch das Kind zu einer Neuen Welt, Hrsg. von Harald Ludwig, Herder Freiburg 2013
  • Montessori, Maria: Von der Kindheit zur Jugend, Herder Freiburg 1966
  • Montessori, Maria: To educate the Human Potential, Montessori-Pierson Publishing Company, 2007
  • Montessori, Mario: Erziehung zum Menschen, Fischer Taschenbuchverlag 2007
  • Wagenschein, Martin: Erinnerungen für morgen, Eine pädagogische Autobiographie, Beltz, Weinheim und Basel, 1983
  • Eckert, Maria und Mario Montessoris Kosmische Erziehung, LIT 2007
  • Eckert/Waldschmidt,  Kosmische Erzählungen in der Montessori-Pädagogik; LIT 2007
  • unveröffentlichte Mitschrift aus dem Montessori-Diplomlehrgang AMI 6-12, Kursleitung Dr. Peter Gebhardt-Seele