In dieser Version erstmals erschienen in DAS KIND 09/04

Io prego i cari bambini che possono tutto,
di unirsi a me per la costruzione della pace
negli uomini e nel mondo.

Inschrift auf Maria Montessoris Grabstätte in Nordvijk an Zee

Ich bitte die lieben Kinder, die alles können,
sich mit mir für den Aufbau des Friedens zu vereinen,
um Frieden in der Menschheit und in der Welt aufzubauen.

Die Kinderrechts-Konvention der Vereinten Nationen
Längst erfüllte Forderung oder utopische Vision?

Saskia Haspel

1. Vorbemerkung

Seit 1989 sind die Rechte der Kinder als Grundgesetz verankert. Fast alle Staaten der Erde haben sie ratifiziert. Die Rechte der Kinder sind damit niedergeschrieben und nachlesbar geworden.

Politiker sind gefordert, die gegebenen Versprechungen einzuhalten. Staatliche, kirchliche und private Organisationen setzen sich für die Einhaltung der Rechte der Kinder auf der ganzen Welt ein.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt hat jeder Staat, jede Gesellschaft, jede Familie, jeder Mensch die Möglichkeit und die Pflicht, in Selbstevaluation zu überprüfen, wie nah oder wie fern er/sie diesem Grundgesetz steht und agiert.
Ebenfalls spätestens seit diesem Zeitpunkt erheben Staaten, Gesellschaften, Familien und einzelne Menschen ihre Stimme mit der Behauptung, bei ihnen würden die Rechte der Kinder selbstverständlich eingehalten. Gewalt, Ausbeutung, Missbrauch, Diskriminierung und Unterdrückung kämen nur in anderen Ländern und Familien vor.

Hätte Maria Montessori die Unterzeichnung der Kinderrechts-Konvention noch erlebt, hätte sie diese als Meilenstein in der Weltgeschichte gesehen? Oder hätte sie in ihrer kritischen Art den Finger auf jene Stellen gelegt, wo noch immer viel zu wenig radikal für die Rechte der Kinder eingetreten wird? Oder hätte sie vorausblickend erkannt, dass die Festschreibung der Rechte sowie deren scheinbare Umsetzung keinerlei Garantie darstellen? Dass sie im Gegenteil sogar die Gefahr in sich bergen, dass sich zumindest und gerade in den Staaten, in denen es keine offensichtliche Kinderarbeit und keine gesellschaftlich anerkannte Kinderprostitution gibt, rasch das Gefühl „bei uns ist alles in Ordnung“ einstellt und damit geradezu zum Wegschauen einlädt?

Die Reden und Schriften Maria Montessoris zu kennen und immer wieder zu lesen sind das sensibelste Qualitäts-Sicherungsinstrument das wir kennen. Immer wenn das selbstzufriedene Gefühl hochkommt, das wir die „Gut-genug-Trance“ nennen, reicht ein etwas längerer Blick auf einen nahezu beliebigen Vortrag Maria Montessoris, um zu erkennen, woran wir dringend weiterarbeiten müssen. Maria Montessori warnte vor Selbstüberschätzung und Überheblichkeit der PädagogInnen und der Pädagogik. Sie warnte auch davor, in der Theorie zu verweilen statt ins Handeln zu gehen. „Glauben Sie nicht, Sie hätten es schon verstanden. Jetzt müssen Sie’s erst tun.“, war ein Satz mit dem sie häufig und gern ihre Vorträge schloss.

War die „nazione unica“ (die „einzige Nation“) Montessoris deklariertes Ziel im Rahmen der Friedenserziehung, müssen wir wieder einmal anerkennen, dass diese große Frau ihrer Zeit um 50, 100 und wahrscheinlich noch mehr Jahre voraus war. Ihr ging es darum, dass Kinder in Frieden aufwachsen und leben dürfen – in äußerem und inneren Frieden wohlgemerkt. Dieser Friede braucht Voraussetzungen, die wir äußerst sensibel schaffen und immer wieder kritisch überprüfen müssen.
Die Rechte der Kinder zu lesen gibt eine Vorahnung davon, wie dieser Friede erreichbar sein könnte. Daran schließt sich die Frage, wo im Leben der Kinder diese Rechte tatsächlich und verlässlich eingehalten werden. In der Beobachtung von Alltagssituationen können wir unsere Wahrnehmung für die Frage verfeinern, wo Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung beginnen, wo wir also ansetzen müssen, um die Kinderrechte endlich Wirklichkeit werden zu lassen – Schritt für Schritt, aber bitte rasch! Und vor allem: Zunächst einmal und dringend mitten in Mitteleuropa.

2. Zentrale Aussagen der Konvention

Kinder sind Menschen. So selbstverständlich es vielleicht klingen mag, es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden: Kinder sind Menschen und haben Menschenrechte.
Bei näherer Betrachtung hat diese Erkenntnis weitreichende Konsequenzen für das Verhalten der Erwachsenen. Kinder sind keine „Menschen in Vorbereitung“, die erst nach dem Überschreiten einer Altersgrenze respektiert und ernst genommen werden müssen, sondern haben von Geburt an eigene Interessen und Rechte.

Die Erwachsenen haben Kinder und Jugendliche zu respektieren und ihre Anliegen zu beachten. Dabei spielt es eine große Rolle, dass Kinder lange Zeit diese Rechte nicht oder nur teilweise wahrnehmen können. Daraus ergibt sich für die Erwachsenen die Pflicht die Rechte der Kinder (mit) zu vertreten.
Kinder und Jugendliche haben wie alle Menschen das Recht, angehört zu werden, wenn über sie entschieden wird. Sie dürfen ihre Meinung frei äußern und sich zusammenschließen, um für ihre Anliegen auch gemeinsam eintreten zu können.

Die Kinderrechts-Konvention bietet eine politische Grundlage für diejenigen Menschen, die sich für die Interessen und Lebensperspektiven von Kindern und Jugendlichen einsetzen.

3. Die Montessori-Pädagogik und die Rechte des Kindes

In der Montessori-Pädagogik haben diese Gedanken als Grundprinzipien und Ziele zentrale Bedeutung. In der „Schule des Kindes“ fordert Maria Montessori die Anerkennung der Entwicklungsarbeit des Kindes und festgeschriebene soziale Rechte, die den gleichen Stellenwert haben wie Gesetze zum Schutz des Eigentums. Besonders intensiv hat sie sich als Ärztin mit den Lebensbedingungen von Kindern beschäftigt und die Fortschritte der Hygiene genauso begrüßt wie die körperliche Befreiung von für den kindlichen Bewegungsdrang unpassender Kleidung. Doch damit nicht genug, vergleicht sie diese erworbene Freiheit mit der Behandlung von Pflanzen, die in einem gut gehaltenen Gemüse- oder Ziergarten aufwachsen. Die Freiheit des Kindes müsse noch weiter gehen, postuliert sie. „… lasst uns von einem so großen Fehler erwachen! Das Kind ist ein Mensch. Das, was einer Pflanze genügt, kann ihm nicht genügen.“

So geht die Montessori-Pädagogik noch ein schönes Stück über die an sich schon weltbewegenden und bahnbrechenden Grundsätze der UN-Konvention hinaus: Äußerst sensibel berücksichtigen Montessori-PädagogInnen in ihrer täglichen Arbeit die Rechte des Kindes bis in feinste Details. Völlig selbstverständlich sind in unserer Pädagogik respektvolle Haltung gegenüber den kindlichen Entwicklungsprozessen, liebevolle Zuwendung, Achtsamkeit in der Sprache, den Bewegungen, dem eigenen Tempo. Drei Beispiele sollen näher beleuchten, wie Rechte des Kindes in der Montessori-Pädagogik umgesetzt werden:

3.1. Das Recht des Kindes auf Bildung (Artikel 28 und 29)

Bildung meint in der Montessori-Arbeit viel mehr als nur Pflichtschulbesuch und Wissenserwerb. Das Recht auf Bildung im Sinne von formazione bedeutet, jedes Kind bestmöglich in seiner individuellen Entwicklung in allen Entwicklungsbereichen (sozial-emotionalen, senso-motorischen und kognitiven) zu unterstützen. Die genaue Beobachtung des Kindes, die Art und Qualität seiner Tätigkeiten und Interessen, lässt Schlüsse auf seine Sensiblen Phasen zu und ermöglicht es, ihm genau jene Arbeiten anzubieten, die es für seine Entwicklung braucht. Das Vertrauen in den inneren Bauplan des Kindes und seine selektive Wahrnehmung bildet die Basis dafür, den Kindern im Rahmen der Vorbereiteten Umgebung echte Freie Wahl der Arbeit zu ermöglichen, sodass jedes Kind nach seinen Bedürfnissen und seinem Entwicklungsstand in seiner Geschwindigkeit lernen und arbeiten kann.

3.2. Das Recht des Kindes auf Schutz vor Beeinträchtigungen
seiner Ehre und seines Rufes (Artikel 16)

Als ich unlängst in einem Video über das finnische Schulsystem eine Schulleiterin sagen hörte „Bei uns gilt der Grundsatz, dass kein Kind beschämt werden darf.“, wurde mir wieder einmal bewusst, wie häufig Kinder im Alltag – sei es in der Familie, sei es im Kindergarten, der Schule, in Geschäften oder Verkehrsmitteln beschämt werden.

In der Montessori-Pädagogik ist es selbstverständlich, Kinder weder zu tadeln noch zu bestrafen, ja sie nicht einmal zu korrigieren, wenn sie Fehler machen. Ermutigung und Bestärkung, die Freude über den Erfolg, der Aufbau von Selbstvertrauen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken sind Grundlagen unserer Arbeit und unserer Kommunikation mit Kindern. Alles was Kinder beschämen oder erniedrigen könnte, ist unserer Arbeit fremd. Und dies sowohl vor anderen Menschen als auch im Vier-Augen-Gespräch.

Besonders zu betonen ist in diesem Zusammenhang die Sensible Phase für Selbstwert und personale Würde im Jugendalter. Dies bedeutet, dass in der Entwicklung des Menschen aus der Sicht der Montessori-Pädagogik eine ganze Periode diesem Thema gewidmet ist. Sollte dieser Gedanke jemals bis in die letzte Konsequenz zu Ende gedacht sein, müsste sich nicht nur das Leben in der Familie sowie das Freizeitangebot sondern auch und vor allem die Schule für Jugendliche grundlegend ändern.

3.3. Das Recht des Kindes auf Schutz vor körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung und Schadenszufügung (Artikel 19)

Hier gilt es die Frage zu stellen, wo Gewaltanwendung beginnt. Tatsache ist, dass – allein im Bereich der körperlichen Gewalt – die Grenze weit vor Schlägen liegt. An Kindern wird ständig herumgezogen, sie werden geschoben, an- und ausgezogen, hochgehoben, in Sitze und Fahrzeuge gezwängt – und dies häufig in viel zu hohem Tempo, ohne jegliche Ankündigung, ohne Möglichkeit der selbstbestimmten Bewegung.

In der Montessori-Arbeit steht die Selbständigkeit und Selbsttätigkeit des Kindes im Mittelpunkt. Wenn wir etwas an dem Kind tun – und sei es noch so jung – holen wir uns sein Einverständnis, kündigen die Tätigkeit an, warten, bis es die Mitteilung verarbeitet hat, und bewegen uns achtsam und langsam, so dass das Kind die Eindrücke verarbeiten und jederzeit mithelfen kann.

Ein eigenes Thema ist die Gewalt in der Sprache. Nicht nur offensichtliche Beleidigungen und Beschimpfungen sind gewalttätig. Auch hier beginnt Gewalt wesentlich früher:
Wie häufig wird mit anderen (für das Kind oft fremden) Menschen vor dem Kind über das Kind gesprochen, sogar über intimste Details. Kein Erwachsener würde dies für sich wollen und zulassen.
In vielen Kindergärten und Schulen gehört es zum Service für Eltern, dass über Kinder und ihre Köpfe hinweg zwischen Tür und Angel geredet werden kann, sogar soll.
Wie selbstverständlich werden Kinder beim Sprechen unterbrochen oder ihnen geboten, still zu sein.
Wie oft wird ihnen nicht aufmerksam zugehört, wenn sie Erwachsenen etwas mitzuteilen haben. Umgekehrt müssen sie ständig zuhören, auch wenn sie gar nicht wollen.
Tagtäglich wird über kindliches Verhalten, über ihre Aussagen, Meinungen, Gedanken geschmunzelt oder gelacht.

Diese Verhaltensweisen von Erwachsenen gegenüber Kindern zeugen von Unwissenheit, Überheblichkeit und mangelnder Sensibilität und tun Kindern und ihrer Entwicklung in großer Regelmäßigkeit Gewalt an.

Dass jegliche Form der Gewaltausübung – sei sie körperlich, sprachlich oder geistig – zu seelischen Verletzungen führen kann, braucht hier nicht näher ausgeführt werden. Dass die Montessori-Pädagogik in all diesen Bereichen äußerst feinfühlig und reflexiv vorgeht, wohl auch nicht.

4. Maria Montessoris Hinweise auf die Rechte des Kindes

Von den ersten Anfängen ihrer pädagogischen Tätigkeit an finden wir in Maria Montessoris Vorträgen und Schriften Gedanken zur Freiheit des Kindes. Dabei geht es sowohl um Beobachtungen von Gewaltanwendung und Ungerechtigkeiten gegenüber Kindern als auch um Kernprobleme und Missverständnisse im Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen. Eine zentrale Rolle spielt die Frage von echter und unechter Freiheit und damit verbunden: die Menschenwürde.

4.1. Die Arbeit des Kindes versus Hilfestellung als Behinderung

Bereits in der „Entdeckung des Kindes“ finden wir eine Fülle von Hinweisen auf Missverständnisse zwischen Erwachsenen und Kindern, die nicht auf böser Absicht beruhen sondern tatsächlich auf Unverständnis fußen und häufig Handlungen von Erwachsenen beinhalten, die sie nach bestem Wissen und Gewissen, wohlmeinend und liebevoll setzen. Denken wir z. B. an die beobachteten Szenen, in denen die Ordnung des Kindes gestört wurde – die bekannteste ist wahrscheinlich jene in der Grotte des Nero.

Besonders beeindruckend finde ich Montessoris Einfühlsamkeit in kindliche Bedürfnisse überall dort, wo es um unerwünschte „Hilfe“ von Erwachsenen geht. Nehmen wir z. B. die Szene mit dem 1 ½-jährigen Kind, dass seinen Eimer mit Steinen füllen möchte und dabei Hilfe von seinem Kindermädchen erhält. “ … ein Beispiel für das, was den Kindern in der ganzen Welt, den besten und den geliebtesten widerfährt. Der Erwachsene versteht sie nicht, weil er sie nach seinem Maßstab beurteilt. Er glaubt, das Kind würde sich äußere Ziele setzen und ist ihm liebevoll behilflich, diese zu erreichen. Das Kind hingegen verfolgt vorwiegend den unbewussten Zweck, sich selbst zu entwickeln. Deshalb … liebt es alles, was noch erreicht werden muss.“

Der Artikel 32 der UN-Konvention schützt Kinder vor wirtschaftlicher Ausbeutung und damit vor Erwerbsarbeit. Dazu gehört allerdings auch, die Arbeit des Kindes, die es immerzu leistet – seine Entwicklungsarbeit – zu schützen. Es gilt also zwischen diesen beiden Formen der Arbeit zu unterscheiden und den Kindern ausreichend Möglichkeit zur Entwicklungsarbeit zu geben – sowohl in zeitlicher und räumlicher als auch in sozial-emotionaler Hinsicht. Das o. a. Beispiel soll zeigen, wie früh Maria Montessori bereits erkannt hat, dass sich die handlungsorientierte Arbeit des Kindes von der zielorientierten Arbeit des Erwachsenen grundlegend unterscheidet. Die besondere Qualität der Entwicklungsarbeit gilt es also zu erkennen, sodass Kinder die Möglichkeit erhalten, sie ungestört und ausdauernd zu verrichten.
„Der Kleine wollte nicht den Eimer voller Steinchen, er wollte die Übung machen, die zum Füllen notwendig war, und damit den Erfordernissen seines blühenden Organismus entsprechen.“

Wenn an dieser Stelle nun Erwachsene eingreifen, um dabei zu helfen, das scheinbare – äußere – Ziel (rascher) zu erreichen, so greifen sie direkt in die Entwicklungsarbeit des Kindes ein. Hier beginnt tatsächlich Gewalt. „Dessen lautes Geschrei, der Ausdruck von Protest gegen Gewaltanwendung und Ungerechtigkeit in dem kleinen Gesicht beeindruckten mich. Welches Übermaß an Kränkungen füllte dieses Herz.“

Heidi Maier-Hauser hat für diese Alltagssituationen den Vergleich mit dem guten „Waiter“ geprägt, der zurückhaltend warten kann, bis Hilfe benötigt wird, und dann gerade so viel Hilfe gibt, wie tatsächlich erwünscht ist.

Auch bei Standing findet sich eine Reihe von Situationsbeschreibungen dieser typischen kindlichen Arbeitsweise. „Die kindliche Arbeit hat kein äußeres Ziel sondern ein inneres. Das Kind arbeitet, weil es wachsen muss, und darum ist das Ziel seiner Arbeit nicht sichtbar, liegt vielmehr im Dunkel der Zukunft verborgen.“ Daher müsse der/die Erwachsene die kindliche Arbeit respektieren und weder mit Erwachsenen-Maßstäben messen noch unmittelbar in sie eingreifen – z. B. um sie zu beschleunigen.

4.2. Kindliches Lernen versus schulische Prüfungen

„Die Vorgänge in vielen der heutigen Schulen (geben) Anlass zu Kritik. Wenn zum Beispiel Fragen an die Schüler gestellt werden, kommt es vor, dass der Lehrer … den fragt, von dem er annimmt, er wisse die Antwort nicht.“

Maria Montessori kritisiert weiterhin, dass es in der Schule offensichtlich als unnötig angesehen wird, über das Wissen hinauszugehen. Sie betrachtet dieses Wissen jedoch lediglich als Voraussetzung um mit den Wiederholungen beginnen zu können. „Wenn es dem Kind also gelungen ist, diesen Zustand zu erreichen, eine Übung zu wiederholen, dann befindet es sich auf dem Wege der Entwicklung seines Lebens, und es erweist sich rein äußerlich als diszipliniert.“

Für ihre gute Entwicklung und ihre Bildung brauchen Kinder also auch in der Schule die Voraussetzung, gut Bekanntes so häufig wiederholen zu können, bis sich der innere Sättigungspunkt eingestellt hat. Die schulische Praxis, ständig etwas Neues lernen zu müssen, es kurzfristig für eine Prüfung oder einen Test zu wissen und sich danach sofort wieder einer neuen Sache zuwenden zu müssen, widerspricht dieser Entdeckung. Die Montessori-Schule arbeitet auf der Grundlage der Kosmischen Erziehung und bietet somit die Möglichkeit, sich in ein Thema über einen längeren Zeitraum vertiefen zu können. Dieses Prinzip entspricht auch dem Exemplarischen Unterricht nach Martin Wagenschein, der auch heute noch vor allem für den Sekundarschulbereich wertvolle Anregungen bereithält, die eine radikale Veränderung bedeuten würden.

Kinder und Jugendliche in ihrem Lernen ernst zu nehmen und respektvoll zu begleiten bedeutet auch, von den gängigen Prüfungsmethoden Abstand zu nehmen. Dafür gibt uns Maria Montessori einen ganz konkreten Hinweis: „Das Geheimnis guten Unterrichts liegt darin, die Intelligenz des Kindes als ein fruchtbares Feld zu betrachten, auf das Saat gestreut werden kann, damit sie unter der flammenden Wärme der Phantasie wachse. Daher ist es unser Ziel, das Kind nicht nur zum bloßen Verstehen zu führen, und noch weniger, es zum Auswendiglernen zu zwingen, sondern seine Phantasie anzustoßen, so dass es sich zutiefst begeistert… Damit müssen wir dem menschlichen Geist große und erhabene Ideen anbieten, dem Geist, der immer bereit ist, sie zu empfangen, und immer mehr verlangt.“

4.3. Das Kernproblem in der Erziehung – die allgemeine Unterdrückung

„Das Kernproblem in der Erziehung ist überhaupt kein erzieherisches, sondern ein soziales Problem. Was Not tut, ist eine bessere Beziehung zwischen den beiden großen Gruppen der Gesellschaft, den Kindern und den Erwachsenen.“
Standing umreißt diesen grundsätzlichen Missstand folgendermaßen: „Auf der ganzen Welt, in zivilisierten wie in unzivilisierten Ländern, in allen sozialen Schichten, auch in den begüterten, wird der Schwache vom Starken unterdrückt, und diese Unterdrückung ist deshalb nicht weniger wirklich und in ihren Folgen verhängnisvoll, weil sie unbewusst und also unabsichtlich geübt wird. Wir haben hier tatsächlich die befremdlichste aller Unterdrückungsformen vor uns, weil die Unterdrücker die Unterdrückten lieben und alles eher für sie tun, als sie hindern möchten. Auch lieben die Unterdrückten in der Regel ihre Unterdrücker.“

Dieses allgemein menschliche Phänomen mag ein Grund dafür sein, dass sich die Montessori-Pädagogik so schnell auf der ganzen Welt verbreiten konnte. Maria Montessori selbst nannte die mit ihrem Namen verbundene Bewegung „den Versuch einer sozialen Revolution zugunsten des vergessenen Bürgers, dessen Rechte die Gesellschaft bisher nie wirklich anerkannt hat“. So sieht sie in ihrer Bemühung die Möglichkeit, alle anderen Formen von Unrecht mit zu vernichten, die aus diesem Universalübel erwachsen.

Maria Montessori betrachtet das Kind als soziales Wesen mit höchster konstruktiver Kraft im Hier und Jetzt. Die Produktivität des Kindes besteht im Aufbau der Kultur, im Erschaffen des künftigen Erwachsenen. Nachdem die Gesellschaft die Rechte des Kindes als physisches Wesen erkannt und Kindergärten, Kinderkliniken usw. geschaffen hatte, forderte Maria Montessori die entsprechende Erkenntnis seiner Rechte als werdende menschliche Persönlichkeit, das Recht zur freien Entfaltung nach den Gesetzen seiner eigenen geistigen und seelischen Natur.

Sie benennt die Grundrechte des Kindes zum Beispiel folgendermaßen: das Recht auf Unabhängigkeit, auf Tätigkeit, auf eigene Welterfahrung und angemessene Wachstumsbedingungen. Für das Kind geht es dabei um eine elementare Daseinsfrage, um seine Existenz als menschliches Wesen, weil unabhängiges Tätigsein, freies Entdecken durch konkretes Handeln mit Hilfe seiner Motorik und Sensorik das Wesen seiner Entwicklung und seines geistigen Lebens bilden.

Eine wesentliche Möglichkeit, Missverständnisse zwischen Erwachsenen und Kindern zu vermeiden sieht Maria Montessori in der Kenntnis der Sensiblen Phasen. Dies gilt sowohl für Kinder als auch für Jugendliche, die ich als die völlig vergessene Gruppe in der Gesellschaft erlebe. Standing fordert die Erwachsenen auf, ihre Machtposition freiwillig aufzugeben, und das, obwohl sie selbst als Kinder und Jugendliche verwundet aus dem Kampf gegen Erwachsene herausgegangen sind. Dieser freiwillige Verzicht auf Unterdrückung bezeichnet er als Grundlage der freien Entwicklung des Kindes und somit des Friedens zwischen Kindern/Jugendlichen und Erwachsenen.

5. Schlussbemerkung

So erfreulich die ständige Verbesserung der Lebensbedingungen für Kinder auch sein mag, so wichtig und notwendig die UN-Konvention zu den Rechten des Kindes auch ist – wenn wir mit dem Montessori-Blick durch die Welt gehen, begegnen uns auf Schritt und Tritt Situationen, in denen Kindern ihre Rechte – seien es die festgeschriebenen oder die noch immer nicht festgeschriebenen – in aller Selbstverständlichkeit vorenthalten werden.

So gilt es, weiterhin den Blick zu schärfen für die Bedürfnisse und damit verbunden für die Rechte des Kindes, aufmerksam zu machen und zum Nachdenken anzuregen, wie diese Rechte besser, häufiger, konsequenter beachtet werden können und was dies im täglichen Leben mit Kindern ganz konkret bedeutet. Wenn es uns gelingt, Generation um Generation erlernte und übernommene Unterdrückungsmechanismen abzubauen, so könnte die von Maria Montessori angestrebte und geforderte Abrüstung in der Erziehung tatsächlich einsetzen – und damit die Möglichkeit geschaffen werden, dass Kinder in äußerem und innerem Frieden aufwachsen.

Anmerkungen:
1) UN-Konvention über die Rechte des Kindes. UNICEF-Österreich, www.unicef.or.at
2) vgl. Jung, Reinhardt: Die Rechte der Kinder. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Übersetzt in die Sprache der Menschen, für die diese Konvention gedacht ist. – Osnabrück 1997
3) Montessori, Maria: Schule des Kindes. – Herder 1976, 8. Auflage, S. 20
4) Montessori, Maria: Die Entdeckung des Kindes. – Herder 1969, 17. Auflage, S. 339
5) ebd.
6) ebd.
7) Maier-Hauser, Heidi: Lieben – ermutigen – loslassen. – Weinheim/Basel 2000
8) Standing, E. M.: Maria Montessori. Leben und Werk. – Stuttgart o. J., S. 139
9) Montessori: Entdeckung, S. 341
10) ebd., S. 341 f.
11) vgl. Wagenschein, Martin: Erinnerungen für morgen. – Weinheim/Basel 1983
12) ders.: Verstehen lehren. – Weinheim/Basel 1968
13) ders.: Kinder auf dem Weg zur Physik. – Weinheim/Basel 1990
14) Holtz, Axel; Peter Stettler: Kinder und Jugendliche anders lernen lassen. Maria Montessori und Martin Wagenschein im Dialog. – Ulm 2001
15) Montessori, Maria: Menschliche Potentialität und Erziehung. Adyar-Madras 1948.
In: dies.: Kosmische Erziehung. – Frankfurt/Main 1984, S. 47
16) Maria Montessori zitiert nach Standing, S. 225
17) Standing, S. 225
18) ebd. S. 226

© Saskia Haspel – Montessori-Zentrum, Wien 2004