Zur aktuellen gesellschaftlichen Situation mit vielen Flüchtlingen auf dem Weg nach und durch Europa haben wir ein Gespräch mit Nicola Kovacic geführt, Leiterin der Montessori-Einrichtungen des Pädagogischen Zentrums am Sonnberg in Perchtholtsdorf. Sie engagiert sich in ihrem Umfeld aktiv für Flüchtlinge. Im Interview schildert sie ihre Erlebnisse der letzten Monate und berichtet warum Montessori-Pädagogik einen praktischen Schlüssel zu gelebter Gemeinschaft bietet.

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Nicola, mir wurde von Deinem Engagement für Flüchtlinge erzählt – kannst Du darüber berichten, was sich in den letzten Monaten am Sonnberg und darum herum getan hat?

Kurz vor Weihnachten kam die Mutter, Inge Schedler (Bildungsfrühling 2012), einer Schülerin zu mir und stellte fest, dass es für eine reiche Gemeinde wie Perchtoldsdorf nicht tragbar sei, dass wir hier keine Flüchtlinge aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht absehbar, wie verheerend die Situation in Traiskirchen werden würde und wie viele Flüchtlinge in den kommenden Monaten nach Österreich kommen würden. Trotzdem hat Inge Schedler schon damals begonnen, Wohnungen für Flüchtlinge in Perchtoldsdorf anzumieten und so das Flüchtlingsnetzwerk Perchtoldsdorf aufgebaut. Im Juni ist die Situation in Traiskichen eskaliert und da das Flüchtlingsnetzwerk zu diesem Zeitpunkt bereits vorort war, erhielten wir  realistischen Berichte über die dortige Situation: Mitte Juni wurden hunderte Flüchtlinge aus bautechnischen und Sicherheitsgründen gezwungen ihre Schlafstellen in den Gängen aufzugeben und mussten ins Freie wechseln-völlig wahllos,  Frauen, Kinder und sogar kranke Menschen.

Eine Woche vor Schulschluss kam Inges verzweifelter Anruf: Alle Schulen und Institutionen weigern sich Flüchtlinge aufzunehmen – hast Du eine Möglichkeit?

Also zogen 5 syrische Studenten und ein älteres Ehepaar über den Sommer zu uns. Das Ziel war, den Perchtoldsdorfern die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen, indem wir sie über den Sommer integrieren und innerhalb dieser zwei Monate dann Privatquartiere finden.

Hat es sich bewährt? Welche Konsequenzen hat euer Einsatz gehabt?

Das Ziel der Aufnahme der Flüchtlinge in unserer Schule war (nebst der persönlichen Ebene, diesen paar Menschen eine kleine, sichere Auszeit zu verschaffen) als Pilotprojekt zu beweisen, dass es keine Ausrede mehr für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge in allen Gemeinden geben kann.

Und das ist gelungen: Wenige Tage nach dem auf Druck der Bevölkerung angesetzten Besuch der österreichischen Politiker am 18. August konnte endlich die so wichtige Quotenvorgabe zur Aufnahme von Flüchtlingen in jeder Gemeinde durchgesetzt werden, und das Netzwerk Perchtoldsdorf ist seitdem (weiter ehrenamtlich) in ganz Österreich unterwegs, um Gemeinden über die bestmögliche Integration von Flüchtlinge zu informieren und sie bei den ersten Aufnahmen zu begleiten.

Welche Motivation bewegt Dich persönlich in solchen Situationen Einsatz zu zeigen?

Einerseits hatte ich selbst Angst vor dem Unbekannten und wollte mich der Situation stellen, andererseits habe ich durch den schulischen Geschichtsunterricht größte Sorge, dass wir ÖsterreicherInnen die Fehler der Zwischenkriegszeit tatsächlich wiederholen und Volksgruppen infolge ihrer Herkunft ausschließen.

Als Montessori-Pädagogin stehst du in einer pädagogischen Tradition, die sich dem Frieden verschrieben hat. Welche Aspekte der Montessori-Pädagogik siehst du in Deinem Engagement verwirklicht?

Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, welche Folge frühkindliche Prägungen haben können. Es ist für mich untragbar, dass ein einziges Flüchtlingskind in Österreich ankommt, und mit abweisenden und verletzenden Schildern in Himberg konfrontiert ist oder zu irgendeinem Zeitpunkt auf europäischem Boden Abwehr und Respektlosigkeit begegnet. Diese Kinder sind die Erwachsenen von morgen und natürlich gestalten wir hier auch unsere eigene Zukunft mit.

Als Montessori-PädagogInnen sind wir uns der enormen Auswirkung der kleinsten Veränderung der „Vorbereiteten Umgebung“ bewußt. Und wir Montessori-PädagogInnen sind bestens vorbereitet: Wir diagnostizieren die Bedürfnisse des Kindes automatisch und es liegt in unserem Selbstverständnis in jeder aufkommenden Situation alle Massnahmen zu treffen, die Umgebung entsprechend anzupassen. In dieser konkreten Krisensituation hat dies bedeutet: sofort Wohnraum zu besorgen, die Grundversorgung zu sichern und schnellstmöglich Zugang zu Deutschkursen zu schaffen.

Wir müssen uns eingestehen, dass die Politik, der Staat Österreich, dies nicht in der gleichen Qualität ermöglichen kann, in der es die Zivilgemeinschaft durch ihre Breite und ihre Menschennähe umsetzt.

Gibt es ein Erlebnis, eine Begebenheit mit einer Familie oder einem/mehreren Kind/ern die Du gerne erzählen möchtest?

Es war ein bemerkenswerter Sommer! Aber natürlich gibt es ganz besondere Situationen.

Einer der syrischer Flüchtlinge hatte die komplette Pflege des Gartens und unserer Tiere übernommen. Er machte das morgens nach dem Aufstehen und er weigerte sich, dafür irgendeine Entlohnung anzunehmen.

Ein besonders rührender Moment:

Mortada, 21 Jahre alt, Syrier und Pharmaziestudent. Die IS hatte den Grund und Boden seines elterlichen Bauernhofes mit Chemikalien vernichtet. Die Schlepper hatten ihm erklärt, dass er seine Frau und seine 9 Monate alte Tochter zurücklassen soll, da er sicher nur eine Woche bis Österreich brauchen würde und seine Familie dann gleich nachholen könne. Die Flucht hatte jedoch natürlich mehrere Monate gedauert und seine Tochter ist mittlerweile 1,5 Jahre alt. Er vermisst seine Familie schmerzlich und kann sich nur schwer von diesem Gefühl ablenken.

Doch als ich eines Tages in die Schule kam, sass eine Erstklasslerin – als PädagogInnen Kind war sie auch im Sommer vor Ort – neben ihm. Mortada hatte ein Heft auf den Knien, in dem Vokabeln auf arabisch und englisch niedergeschrieben waren. Gemeinsam lasen sie die darin aufgeschriebene Worte auf Englisch vor. Dann sagte das Mädchen, wie es auf deutsch heisst, sprach es langsam vor und er wiederholte es bis sie zufrieden mit seiner Aussprache war. Im Anschluss brachte er ihr das Wort auf arabisch bei. 2,5 Stunden waren die beiden mit ihrem spontanen Deutsch-Englisch-Arabisch-Kurs beisammen.

Was erlebst Du als größte Barrieren im Engagement für Flüchtlinge und welche Handlungsmöglichkeiten siehst Du damit umzugehen?

Dass es Menschen sind. Sie werden Fehler machen. Sie werden Verhaltensweisen an den Tag legen, die uns unbekannt oder neu sind. Der eine wird uns vielleicht unsympathisch sein, der andere zu fordernd, der/die dritte zu unordentlich oder jemand wird vielleicht sogar etwas stehlen – so wie es Menschen tun. Flüchtlinge sind keine perfekten und ewig dankbaren Vorzeigemenschen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen mit der größtmöglichen Menschlichkeit zu begegnen. Und niemals wieder Zustände wie in den letzten Monaten in Traiskirchen zuzulassen.

Dann kommt der nächste Schritt: Natürlich müssen wir sie auch mit unserem Wertesystem vertraut machen. zB Menschen aus einem patriarchalischen System können und müssen in Europa sehen, dass die Gleichstellung der Frauen eine Bereicherung und ein anzustrebender Wert ist. Jede Unterdrückung der Frauen hat nichts mit Religion oder Kultur zu tun sondern ist ein Lernprozess aus einem alten Muster in ein neues zu wechseln.

In der täglichen Begleitung von Kindern: welche Kompetenzen sind Deiner Meinung nach für in kindlichen Entwicklung wichtig zu erwerben, um als Erwachsener mit Fremden offen und angstfrei umgehen zu können?

Situationen, die man in der Kindheit positiv erlebt, werden auch als Erwachsene nicht als fremd oder beängstigend betrachtet.

Das Montessori-Kinderhaus bietet zB alleine durch die Bewegungsfreiheit den steten und auch wechselnden Austausch zwischen Kindern aller Schichten und Kulturen. Das durch die erfüllende Arbeit zentrierte und selbstsichere Kind hat kein Bedürfnis andere zu erniedrigen oder auszuschließen.

Und in der Montessori-Schule liegt es im Selbstverständnis der Arbeit in Gruppen, gemeinsam auch schwierige Aufgaben zu bewältigen und auf die Ressourcen und Kompetenzen jedes einzelnen/jeder einzelnen zurückzugreifen. Montessori-Kinder verinnerlichen, dass Vielfalt der Zielerreichung dienlich ist und somit ist sie positiv belegt.

Natürlich hat auch der respektvolle Umgang mit dem Kind, den jede Montessori-Pädagogin durch ihre eigene Haltung aufweist, als Vorbildwirkung einen enormen Einfluss und wird speziell vom 3-6jährigen Kind als „Wahrheit“ und vom 6-12jährigen Kind als „Regel der Gemeinschaft“ verinnerlicht.

In diesen Tagen beginnt das neue Kinderhaus- und Schuljahr. Werden die Flüchtlinge eure Einrichtung besuchen? 

Kurz vor unserem Auszug haben die Burschen gefragt, womit sie uns eine wirkliche Freude machen können – dann haben sie unser Stiegenhaus ausgemalt und für unsere neue Sekundaria die Möbel zusammengebaut. Dies war eine wunderbare Geste und ich freue mich täglich, wenn ich an den Wänden vorbeigehe oder die Sekundaria, in denen die Flüchtlinge vor 2 Wochen noch geschlafen haben, nun bereit für unsere SchülerInnen sehe.

Wir konnten Wohnungen nahe der Schule finden. Mortada gießt weiterhin morgens die Blumen, die anderen wollen in den nächsten Wochen wiederkommen, um für die SchülerInnen ein syrisches Essen zu kochen. Und jeden Montag werden sie zum Fussballspielen auf den Sportplatz herüberkommen – mit unseren SekundarschülerInnen. Es sind einfach nur junge Burschen, fern ihrer Heimat und weg von ihren Eltern. Sie spielen genauso gerne Fussball wie unsere Jungs und Mädchen.

Seit Montag besucht ein 5,5jähriges syrisches Mädchen unsere Schule und ist überglücklich. Weiters haben wir angeboten, ein bis zwei „Unbegleitete Minderjährige“ im Laufe der nächsten Monate in die Sekundarstufe 1 aufzunehmen –  Unsere SekundarschülerInnen sind sozial gefestigt und bereit diese neuen Mitglieder willkommen zu heißen und auch den möglicherweise schwierigen Quereinstieg in dieser Ausnahmesituation mitzutragen.

Wie werden die kommenden Wochen und Monate für die Flüchtlinge aussehen?

Das ältere Ehepaar durfte nach Wien ziehen und wird dort in der Nähe seiner schon erwachsenen Kinder wohnen. Sie sind sehr glücklich und schreiben immer wieder wie es ihnen geht und wie schön die Zeit am Sonnberg mit all den Menschen war.

Die 5 Burschen wollten weiterhin gemeinsam wohnen. Das Netzwerk hat, wie oben schon beschrieben, eine Wohnung in der Nähe der Schule gefunden. Mortada, der Pharmaziestudent hat schon eine Lehrstelle in Aussicht und zwei der Burschen haben gestern ihr 5 Jahres Visum erhalten! Das war ein Fest! Beide werden in Schwechat bei der Gepäckssortierung arbeiten können. Ob sie ihre Studien fortsetzen können, ist leider unklar. Jedenfalls besuchen sie weiterhin die Deutschkurse in der Hoffnung, das für ein Studium nötige Deutschlevel zu erwerben. Mortada hat einen „Interviewtermin“ für sein Visum im Oktober erhalten. Er ist glücklich, denn das ist der erste Schritt zur Zusammenführung mit seiner Familie. Schritt für Schritt werden sie alle zu einem menschenwürdigen Leben in Österreich begleitet. Eines Tages wollen sie natürlich wieder selbstständig und unabhängig sein und dann ist dadurch Platz, sich um die nächsten Ankommenden zu bemühen.

Aus Eurer Erfahrung: Welche Art der Projekte und welche weitere Beteiligung der Zivilgesellschaft werden weiterhin benötigt?

Wir werden flexibel und innovativ auf kommende Anforderungen reagieren müssen. Potentiale die Montessori-Kinder entfalten und ausbauen dürfen!

Aber schon jetzt gibt es entsprechende Vorbilder: zB Rauol Haspel hat mit seiner „Schweigeminute für Traiskirchen“ über die Grenzen hinweg Menschen erreicht – vielleicht sogar den einen oder anderen Skeptiker berührt und mit Sicherheit einige aus der gewohnten Passivität in diese neue „Strömung des Helfens“ geführt. Für die europäische Zukunft, vorallem aber jetzt und heute für jeden einzelnen Flüchtling der den Weg auf europäischen Boden schafft, gilt zu hoffen, dass diese positive Bewegung wächst und auch über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben wird.

Danke für das Gespräch, Nicola. Es ist beeindruckend von eurem Engagement zu hören!