Zeitschrift des Montessori-Vereins Kitzbühel, Jg. 2/03, Mai 2003, S. 6 - 7
Die "Vorbereitung aufs Leben"
Anforderungen an die
Schule von heute
Saskia Haspel
"Wie geht es Montessori-Kindern, wenn sie dann nach der Schule in der rauen
Wirklichkeit ihren Mann stellen müssen?" Eine der Fragen, die wir in Seminaren und
Vorträgen, in Gesprächen mit Eltern und LehrerInnen am häufigsten gestellt bekommen.
Gedanken von Eltern und PädagogInnen kreisen immer wieder um die Zukunft der Kinder, um die
bestmögliche Vorbereitung auf diese Zukunft und um die Frage nach der besten Schule.
Bereitet die Schule wirklich aufs Leben vor? Und wenn ja, welche Art von Schule? Wie viel
von dem, was wir heute als Erwachsene brauchen, haben wir tatsächlich in der Schule
gelernt? Was haben wir alles nicht gelernt, was uns heute helfen würde? Und wie kann Schule
aussehen, die Kompetenz für das Leben entwickeln hilft?
Wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringen wird, wie das spätere Leben der heutigen
Kinder ablaufen wird und welche Fertigkeiten sie tatsächlich brauchen werden. Daher baut
jede Diskussion über die Bedeutung von Computern in der Schule oder den Stellenwert der
Allgemeinbildung (im Sinne von: Welche Arten von Gestein gibt es, und wie heißen die
ausgestorbenen Tigerarten?) auf reiner Spekulation auf.
Tatsache ist: Wir wissen nicht, welche Berufe in 10 oder 20 Jahren gefragt sein werden, wie
die Wirtschaftslage aussehen wird, wie weit die Umweltzerstörung oder -rettung
fortgeschritten sein wird u. v. a. m. Zusätzlich hilft es, bei allen Überlegungen
mitzudenken, dass das Leben hier und jetzt stattfindet und nicht erst irgendwann in der
Zukunft.
So reduziert sich der Gedankengang der Vorbereitung auf das spätere Leben auf die Frage von
Schlüsselqualifikationen, von Fähigkeiten, die - völlig unabhängig von verschiedenen
Gegebenheiten und Entwicklungen - auf jeden Fall hilfreich sein werden. Dazu kommt, dass
Kinder die sich respektiert und ernst genommen fühlen jegliches Lernen und Entwickeln auf
eine solide Basis stellen können.
Wenn ich bei Personalchefs großer Firmen nachfrage, was sie sich von BewerberInnen für die
Führungspositionen wünschen, erhalte ich bezeichnender Weise die gleichen Antworten wie vom
Tischlereibetrieb um die Ecke, mit einem Facharbeiter und einem Lehrling: Alle betonen
Eigenschaften, Fähigkeiten, Stärken wie Teamfähigkeit, Teamfreudigkeit,
Entscheidungsfähigkeit, Eigenverantwortung, Selbständigkeit, gute Selbsteinschätzung,
Verantwortlichkeit, Verlässlichkeit.
Selten habe ich etwas von Allgemeinbildung gehört, und an auffallend später Stelle wird
jenes Können genannt, dem in Schullehrplänen so viel Platz und Aufmerksamkeit gewidmet
wird. So hat z. B. besagter Tischler gemeint, die Grundrechnungsarten wären schon gut, weil
man ja die Materialmenge berechnen können sollte, die man so braucht. Von Differenzieren
oder Trigonometrie hat er nichts gesagt.
Offensichtlich sind also die Schlüsselqualifikationen tatsächlich der Schlüssel für die
Zukunft. Und dann lesen wir bei Montessori nach, finden Worte wie Selbständigkeit,
Eigenverantwortlichkeit, Konzentrationsfähigkeit und ähnliche als Ziele der
Montessori-Pädagogik genannt.
Es gibt also ein bewährtes, umfassendes pädagogisches Konzept, das - neben aller
selbstverständlichen Wertschätzung für kognitive Fertigkeiten, für Interesse an der Welt
und Können in Bereichen wie Mathematik, Sprache und den Naturwissenschaften - die
Entwicklung von Schlüsselqualifikationen als Zentrum seines pädagogischen Wirkens
sieht.
Diese Pädagogik ist nun schon fast 100 Jahre alt und aktueller als je zuvor. Eine
Pädagogik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, die die Fähigkeit entwickeln hilft,
sich auf Situationen und Menschen einzustellen, seine eigenen Stärken und Lernbereiche
verantwortlich einzuschätzen, Respekt vor den Besonderheiten unterschiedlicher Menschen
genauso lehrt wie vor der Natur - und die zusätzlich eine Methodik anbietet, die
altersadäquates, freudvolles, begreifendes Lernen ermöglicht.
Daher - an alle Schulen, an die Lehrplan-ErstellerInnen, an die gegenwärtigen und
zukünftigen BildungspolitikerInnen:
Es gibt die Pädagogik schon, die wir für gerade, klare Menschen, die Menschen der Zukunft,
brauchen.
Bitte zugreifen!
© Saskia Haspel - Montessori-Zentrum, Wien 2003
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