Montessori aktuell, Ausgabe 1/1996, S. 3 - 5
Emmi Pikler - Montessori-Pädagogik für Kleinkinder?
Gedanken über
liebe- und respektvolle Entwicklungsbegleitung von Säuglingen und Kleinkindern
Saskia Haspel
Wenn wir die Grundlagen der Montessori-Pädagogik betrachten, so können wir das Wesentliche in einigen wenigen Punkten zusammenfassen:
- liebevolle emotionale Einbettung, sodass das Kind Vertrauen zu den Bezugspersonen fassen und daraus Selbstvertrauen, Selbständigkeit und Selbstzufriedenheit entwickeln kann
- ungeteilte Zuwendung in Situationen, in denen wir mit dem Kind zusammen sind
- liebe- und respektvolle Begleitung von Entwicklungsprozessen
- genaue Beobachtung des Kindes und seines Entwicklungsstandes, Wahrnehmen seiner Bedürfnisse und Sensiblen Phasen und daraus folgend
- eine Vorbereitete Umgebung, in der das Kind aus seinen Bedürfnissen heraus möglichst selbständig tätig werden kann, in der es keine aktiven Gefahren gibt jedoch eine ausreichende Anzahl von Angeboten, die das Kind für seine Entwicklung nützen kann
- klare Regeln und Grenzen, die das soziale Zusammenleben ermöglichen, sodass Kinder sich sicher fühlen und angst- und stressfrei spielen, lernen und arbeiten können; diese Regeln bilden einen Orientierungs- und Ordnungsrahmen für das Kind und geben ihm damit Ruhe und Sicherheit.
- größtmögliche Freiräume für selbst gewählte Aktivitäten und somit für Entwicklungsprozesse
- Ermöglichung ungestörter Entwicklung, die Erwachsene weder durch Einmischung noch durch Belehrung oder Korrektur aber auch nicht durch Lob oder Tadel unterbrechen
Dieses liebe- und respektvolle Zusammenleben mit Kindern, die innerhalb klarer Rahmenbedingungen einen größtmöglichen Freiraum für ihre Enwicklung nützen können, finden wir auch bei Emmi Pikler.
Emmi Pikler war Kinderärztin in Budapest und leitete über viele Jahre ein Säuglingsheim, das heute von ihrer Tochter, Anna Tárdos, geführt wird. In diesem Heim leben Säuglinge und Kleinkinder bis maximal 3 Jahre. Jeweils 6 bis 8 Kinder werden von einer erwachsenen Bezugsperson betreut.
Dass es im Lóczy-Institut keine Hospitalismuserscheinungen gibt, ist in der Zwischenzeit auch international bekannt. Die Arbeit der Budapester Kleinkind-Pädagoginnen stieß vor allem bei französichen PsychologInnen auf großes Interesse.
Die Grundprinzipien, die dahinter stehen:
- liebevolle Zuwendung
- ungeteilte Aufmerksamkeit in den Pflegesituationen, die der Befriedigung der fundamentalen Bedürfnisse der Kinder dienen
- freie Entwicklung in einer gut vorbereiteten Umgebung - für den Bereich Bewegungsentwicklung nachzulesen im Buch "Lasst mir Zeit"
- keine "Förderung" im Sinne des Versuchs, Entwicklungsprozesse zu beschleunigen
- sprachliche Begleitung der Pflegehandlung ebenso wie der Aktivitäten der Kinder
Wenn Maria Montessori die Zeit um den dritten Geburtstag eines Kindes als "Übergang vom unbewussten Schöpfer zum bewussten Arbeiter" bezeichnet, so ist es nahe liegend, dass wir auf diese Veränderung in der Entwicklung mit einem veränderten Angebot in Hinblick auf Entwicklunsmaterialien, Spiel- und Arbeitsangebote reagieren können und müssen.
Emmi Pikler bietet Kindern bis 3 Jahre Erfahrungsvielfalt durch Bewegungsangebote und bewusst unstrukturierte Materialien.
Maria Montessori bietet Kindern ab 3 Jahren die Möglichkeit, mit Hilfe des strukturierten Materials
- bereits erlebte unbewusste sensorische Erfahrungen und motorische Entwicklungen auf eine bewusste Wahrnehmungsebene zu heben
- aufgrund des bereits Erlebten innere Strukturen aufzubauen, in die zukünftige Erfahrungen eingeordnet werden können.
So greifen in der Sensiblen Phase für Motorik, Sensorik, Sprache und Ordnung alle Bereiche ineinander, die für die Entwicklung maßgeblich sind. Auf der Grundlage der senso-motorischen, der sozial-emotionalen sowie der kognitiven Entwicklung kann jene Verknüpfung erfolgen, die mit sensorischer bzw. senso-motorischer Integration bezeichnet wird und die wiederum die Basis für weitere - mit zunehmendem Alter immer bewusstere und stärker strukturierte - Entwicklungsschritte bildet.
Der Ansatz Emmi Piklers stellt also tatsächlich eine große Bereicherung der Montessori-Arbeit in Hinblick auf ganz junge Kinder dar. Gemeinsamkeiten sehe ich vor allem in
- der emotionalen Einbettung des Kindes als Grundlage jedes Entwicklungsprozesses
- der Achtung vor der Persönlichkeit des Kindes, vor seinen individuellen, selbstgesteuerten und selbsttätigen Entwicklungsprozessen und vor seinem individuellen Entwicklungstempo
- der liebevollen Begleitung der Entwicklung ohne den Versuch, Entwicklung zu beschleunigen oder in eine bestimmte, vom Erwachsenen erwünschte Richtung zu lenken
- der achtsamen, ungeteilten Zuwendung zum Kind in der Interaktions- bzw. Kommunikationssituation
- dem Postulat der begleitenden Sprache bei jungen Kindern im Gegensatz zur Möglichkeit der erklärenden Sprache bei älteren Kindern
- der genauen Beobachtung der Kinder und dem Bereitstellen von Entwicklungsangeboten für den jeweiligen Entwicklungsstand.
Literatur:
Pikler, Emmi: Friedliche Babys - zufriedene Mütter
Pikler, Emmi: Lasst mir Zeit. - München
Pikler, Emmi: Miteinander vertraut werden
David, Myriam/Geneviève Appel: Lóczy. Mütterliche Betreuung ohne Mütter. - München 1995
© Saskia Haspel - Montessori-Zentrum, Wien 1996
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